Benediktinische Erziehung und Ästhetik
.....damit uns nicht Hören und Sehen vergeht

P. Michael Hermes OSB

Vortrag auf der Internationalen Benediktinischen Konferenz Worth Abbey, Oktober 1999

Dieses Referat hält Ihnen nicht ein Philosoph, der hinreichend Kenntnisse besitzt über die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Kunst und dem Schönen, von Platon über Baumgarten, Kant, Hegel bis Adorno und Lyotard und mit diesen Kenntnissen zu einem philosophischen Diskurs einlädt.
Dieses Referat hält ihnen nicht ein Fundamentaltheologe mit der Frage, ob und wie das Schöne als „Herrlichkeit“ Gottes unmittelbar inkarniert in der Schöpfung und in dieser erfahrbar sein kann und in welchem Verhältnis dies steht zur visio beatifica.
Ich bin auch kein Kunsttheoretiker, der die Hervorbringung der Werke und die Werke der bildenden Kunst, der Musik, des Theaters, des Tanzes, der Literatur erklären und erschließen wird.
Ich bin nur der Leiter eines Gymnasiums, dessen Aufgabe es ist, neben vielen anderen, das Erziehungsziel seiner Schule zu vermitteln und wachzuhalten. Im Gastkapitel der Regula Benedicti (RB) hat unsere Schule, das Gymnasium der Benediktiner in Meschede das Motto ihrer Bildungs- und Erziehungsarbeit gefunden, das dort zugegebenenmaßen viel schlichter und nüchterner gemeint ist: „exhibeatur humanitas“, wörtlich: die Menschlichkeit, von der vorausgesetzt wird, dass man sie hat (hibeatur), heraus-(ex)geben, weitergeben.
Das Menschenbild als dem Ziel des Weges, auf dem wir junge Menschen eine Zeit lang begleiten, ist geprägt von dem Bild, das Gott in seinen Offenbarungen kundgetan hat und das in der Regel des hl. Benedikt und in der benediktinischen Tradition noch einmal fokussiert wird.

Als ich vor kurzem einem Mitbruder den Titel dieses Referates nannte, äußerte er die Befürchtung, dass nun die Texte des hl. Benedikt wieder einmal so gedreht und verbogen werden, um diesmal den Mönchsvater zum Anwalt des Schönen oder gar zum Künstler zu machen. Ich will mich davor hüten.
Aber aller Welt muss doch aufgefallen sein, dass sich in den Klöstern St. Benedikts eine hohe Kultur entwickelte in Musik und Dichtung, in Architektur, Plastik, Malerei, Kalligraphie, in der Choreographie der Liturgie bis in die Anfänge des Dramas im liturgischen Spielen. Das jedenfalls war für John Henry Newman Grund genug, die Klöster St. Benedikts als Schulen der Poesie zu bezeichnen.
Stellvertretend für die Schulen oder Klöster im 9. Jahrhundert in allen Teilen Europas darf hier die Klosterschule von St. Gallen genannt werden mit ihrem Schülertrio, das später ein Lehrertrio wurde: mit Ratpert, dem Mathematiker, der zugleich Dichter und Musiker war, Notker Balbulus, dem sprachbehindernderten, jedoch exzellenten Lehrer der Grammatik und dem Schöpfer vieler Sequenzen, und schließlich Tuotilo, von dem in den casus sancti Galli der Chronist Ekkehard schreibt, dass er die Arme und die Gliedmaßen wie ein Ringer gehabt habe und begabt gewesen sei in Rhetorik mit einer hellen Stimme und ein Meister von Geschmack in der Elfenbeinschnitzkunst und in der Malerei. Woher sollen die St. Galler Mönche ihre Ästhetik haben, wenn sie sie nicht in der benediktinischen Klosterkultur erfahren und gelernt haben?

So war meine Frage die: Gibt es nicht doch in der Regula Anregungen zu Grundhaltungen, zu Verhaltensweisen die solches ermöglichten und förderten? Lassen sich in der Regula Ansichten, Auffassungen, Standpunkte finden, aus denen das erwachsen kann, was wir vorerst einmal das Ästhetische nennen?

Ich sehe in der Regula zunächst einmal eine Stilkunde vor mir, in der Elemente in Proportion und ins Maß gesetzt werden. Stilkunde gemeint als Lebensstilkunde, in der der Einzelne seine Beachtung und Würde findet (RB 2,31-32), in der aber auch seine Bezogenheit auf die anderen, die Gemeinschaft ihr gleiches Gewicht findet (RB 71).
Eine Lebensstilkunde, in der eine persönliche und gemeinsame Mitte, ein Klaustrum gebildet wird (RB 72,11), das gleichzeitig geöffnet sein muss für die Ankunft Gottes und der Menschen von außen (RB 53). Solcherlei Spannungen zwischen Brennpunkten dürfen als Elementarlehre für die stabilitas angesehen werden, die sich wesentlich unterscheidet von einer Treibsandmobilität in Beliebigkeit und Gleichgültigkeit. Das Gespanntsein zwischen zwei Brennpunkten ist der benediktinische Lebensstil und die discretio ist die Konkretisierung und Ermöglichung dieses Lebensstils. Er zeigt sich im Umgang mit den Werten der Einzelperson einerseits und der Gemeinschaft andererseits und im Weg in die Mitte bei gleichzeitiger Offenheit nach außen. Er zeigt in traditio und creatio, in der Annahme der Überlieferung der Alten (RB Prol. 1) wie auch in der Bereitschaft, auf neue Situationen neu zu antworten (BR 2,24), in der Offenheit für den Hl. Geist, in den Gedanken der Jüngeren (BR 3,3).
Die tiefste Schicht, das eigentlich radikale und fundamentale Spannungsverhältnis für die Stabilität des Lebens liegt für mich in dem mir jedenfalls lange sperrigen Gottesbild der Regula des Abba-Christus. Ich zitiere die zentrale Stelle: Zu Beginn des 2. Kapitels heißt es: Der Glaube sagt: Er (der Abt) vertritt im Kloster die Stelle Christi, wird er doch mit dessen Namen angeredet nach dem Wort des Apostels: Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, der Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater.
Mag diese Identifikation Jesu Christi mit dem Abba-Vater des Neuen Testamentes, mit dem Jesus selbst nach Markus (Mk 14,36) seinen Gott in damals unerhörter Weise angeredet und damit sein Gottesverhältnis und das Gottes zu ihm offenbarte, - mag sein, dass dieses in Einssetzen Gottes mit Christus, das sich in der ganze Regula verfolgen lässt, theologiegeschichtlich als ein Antiarianismus erklären lässt, so ist doch damit die inkarnatorische Dimension Gottes, seine konkrete Erfahrbarkeit und Sinnfälligkeit in Christus betont, die jedoch das Unbegreifliche, Unfassbare, das ganz Andere, das Mysterium Gottes nicht aufgibt, sondern in Spannung hält.
Dieser fundamentale Glaube an den inkarnierten Gott, an die Begreifbarkeit des Unbegreiflichen, dieser Standpunkt, diese Einstellung, dass die unergründliche Wahrheit wahrnehmbar ist, ist die einzige treffende Argumentation gegen den Ikonoklasmus, gegen das Verbot der Bilder. Es ist die Bejahung der Sakramentalität der Welt - fokussiert in den Menschensohn Jesus, dem Christus -, in der - nach Leonardo Boff - in der Immanenz das sie Transzendierende transparent wird.
Das zentrale Gottesverständnis der Regula als des Mensch gewordenen Gottes fließt weiter in das Verständnis vom Menschen in seiner personhaften von Gott geschenkten und geschützten Würde, die die Ehrfurcht herausfordert (RB 63,10-14) und der sich der Abt anschmiegen soll (RB 2,32), hin zum Verständnis von den Dingen, den denen der Mönchsvater sagt, dass sie wie hl. Altargerät behandelt werden sollen (RB 31,10), ähnlich wie der Dichter der deutschen Romantik Joseph von Eichendorff schreibt: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt fängt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“

Das bekannteste Wort der Regel, das Benedikt dort in merkantilem Zusammenhang gebraucht, ist schon immer von den Mönchen den Werken ihrer eigenen Kreativität zugeordnet worden: der letzte Satz des 57. Kap. „ut in omnibus glorificetur deus“, womit sie sagen wollen, dass ihr Werk Gott verherrlichen soll. Würden wir es aber in der Tradition biblischer Ausdrucksweise verstehen, dann würde es ein passivum divinum sein, in dem das nicht genannte Subjekt stets Gott selbst ist und dann übertragen hieße: „Damit Gott in allem seine Herrlichkeit aufstrahlen lasse.“ Mit diesem Wort sind wir ganz in der Nähe von Hans Urs von Balthasars Theologie der Ästhetik, seines vierbändigen Werkes „Herrlichkeit“.

Benedikt nennt sein Kloster nach dem Motto unserer Tagung eine „scola“, eine Stätte des Lernens.
Ich möchte aufzeigen, wie intensiv sie eine Stätte der Schulung der Sinne ist.

Jedem von uns fällt natürlich sofort das erste Wort der Regel ein: „ausculta“, „höre“, jene primäre Lebensregel: Sei aufmerksam, pass auf, sei offen, nimm wahr. Das Gegenteil wäre Verschlossenheit, Trägheit, Autismus, Ichbezogenheit. Bei der Aufforderung zum Hören geht es nicht nur um den physiologischen Vorgang, um einem akustisches Phänomen. Es geht darum, dass das, was über Klang und Ton wahrgenommen wird, den Hörenden im Innern trifft. „Neige deines Herzens Ohr“ wird deshalb gleich im ersten Satz nachgeschoben.
Noch einmal sagt das der 9. Vers des Prologs: „Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr.“ Dass es sich hier um die Beschreibung eines inneren Organs handelt, durch das das Außen wirklich im Inneren wahrgenommen wird und ankommt, verinnerlicht wird, darf nicht dazu führen zu glauben, Benedikt würde nur einer Innenwelt das Wort reden. Seine ganze Regel mit ihrem Primat der Praxis, mit ihrer Wachheit gegenüber dem alltäglich Gegebenen zeigt, wie sehr bei ihm die Theorie, das innerlich Geschaute, Gehörte, Geschmeckte und Ertastete Fleisch wird, wie es in den Leib geht, in die Füße, in die Knie, in die Arme, die Hände, in den Mund, den Magen, in die Nase, auf die Haut und unter die Haut, in die Augen, die sehen können und weinen.
Der ganze körperhafte Mensch, Herz, Geist und Leib ist das Organ der Kommunikation mit dem anderen, dem Außen, auch mit Gott.
Über die Sinne zum Nachsinnen kommen und Sinnerfahrungen machen. Das wäre benediktinische Schulung der Sinne. An einem Beispiel möchte ich das vertiefen: Das 48. Kapitel wird oft überschrieben mit „de opera manuum cotidianum“ und dabei wird verschwiegen, dass dieses Kapitel nicht nur über den Rhythmus der Arbeit sondern auch den Rhythmus der lectio bestimmt. Wir Heutigen sind in der Lage, mit den Augen die Information gedruckter, geschriebener Seiten aufzunehmen. Schon beim visuellen Primärvorgang interessiert uns nicht das Schriftbild, sondern der Inhalt der Worte. Manche haben sogar die Gabe des Diagonallesens, manche lesen nicht einmal mehr selber, sondern überlassen das dem Scanner. Lesen in der Zeit Benedikts und darüber hinaus bis ins 11. Jh. war gleichzusetzen mit meditatio, was wiederum Übung bedeutete, etwas durch ständiges Wiederholen in Fleisch und Blut übergehen zu lassen und von da ins Herz. Schrift war eine sekundäre Chiffrierung, dessen vor primär ein akustisches Phänomen war, und was deshalb auch wieder ins Akustische dechiffriert werden musste. Buchstaben mussten wieder körperlich sinnenhafter Klang werden. Deshalb die Mahnung Benedikts, dass man so lesen soll, dass kein anderer gestört wird. Man konnte nur laut lesen. Ein Mönch des 9. Jahrhunderts schickte einem anderen ein von ihm ausgeliehenes Buch zurück mit der Bemerkung, er habe es nicht lesen können, er sei heiser gewesen. Die Priorität der Körperlich-Sinnenhaften, Texte wieder in ihren Ursprung, in die Oralität, in die Hörbarkeit zu überführen und sie so vom Leser, Sprecher und Hörer ganzheitlich erfahrbar werden zu lassen, ist nicht nur der Königsweg der Aneignung und der Verinnerlichung (hier könnte über die Bedeutung der ruminatio gesprochen werden), sondern auch nach meiner festen Überzeugung der Ursprung des gregorianischen Chorals, dessen Klangdynamik, dessen Tonfall nach 150 Jahren mündlicher Überlieferung am Beginn des 10. Jahrhunderts durch rhetorische Zeichen gesichert wurde: durch die Neumen.

Wie oft bleiben in unseren Schulen Literatur und Dichtung und Musikpartituren mit ein paar analytischen Bleistiftmarkierungen und -bemerkungen papierene Gräber?


Man sagt, dass mehr als die Regel des hl. Benedikt die Dialoge Gregor des Großen die Kultur der Benediktinerklöster beeinflusst habe. Wenn das so stimmt, dann wäre dies auch ein Beweis dafür, dass das Narrative, so es in seinen Bildern und Symbolen aufgenommen wird, den Menschen nachhaltiger prägt als ein nüchterner Text mit praktischen Anweisungen. Ich möchte deshalb aus der Menge der Erzählungen, die Gregor ja bekanntlich sich selbst zum Trost und seinem Schüler und Freund Petrus zur Belehrung vorgetragen hat, drei Episoden herausnehmen, die mir für unser Thema bedeutsam zu sein scheinen.

Es ist einmal die Erzählung von der Klostergründung auf dem Monte Cassino und dem Bau des Oratoriums "San Giovanni e San Martino sopra Apollo" (Dial. 8,11) wie es in Rom Maria sopra Minerva gibt. Benedikt übernimmt Kultur durch Umformung und Weihe und damit der Steigerung oder der Vertiefung. Hinter dem steht die Ahnung, dass Bildbotschaften schon immer Wahrheit vermitteln. Aus solcher Einstellung kann sich später die „Renovatio“ der Karolingerzeit entwickeln, an der die Klöster einen maßgeblichen Anteil hatten, in der heidnisch-antike Literatur eine christliche relecture erfuhr, aus der heraus z. B. das Westwerk der Abtei Corvey mit Fresken über die Irrfahrten des Odysseus ausgemalt werden konnten als Analogon zur Weltmeerfahrt des erlösenden Christus. Die Oberschichten der Bilder werden verändert, wobei die Grundschichten bleiben dürfen, weil sie universal sind.

Gleich in den nächsten Erzählungen der Dialoge wird ein weiterer Aspekt benediktinischer Wahrnehmungsschulung deutlich: Benedikt ist in der Lage, das Dunkle, das Böse und Abscheuliche zu sehen „mit seinen leiblichen Augen“, sagt Gregor (Dial. 8,12).
Es geht um die Wahrnehmung als Hässlichem, in der die Ästhetik als der Lehre von der Wahrnehmung des Schönen ihre Grenze und ihre Umkehr findet wie es Künstlern unserer Zeit gelingt. Der Mut, sich der dunklen, hässlichen Seite der Wirklichkeit zu stellen und ihre Wahrnehmung auszuhalten, war für Benedikt offensichtlich eine wichtige Seite des Lebens. Vielleicht ist die „compunctio lacrimarum" eine Reaktion auf die Wahrnehmung des abgründig Hässlichen.
Und doch ist die Wahrnehmung dieses Aspektes der Wirklichkeit nicht die letzte. Ein durch die participatio per patientia geweitetes Herz (RB Prol. 49-50) ist in der Lage, wie uns die Schlusserzählung der Dialoge mitteilt, alles „im Lichte Gottes sehen zu können“. Benedikt beendet seinen Weg aus der „in steilen Felsen, Talgründen und Schluchten“ (Dial. 1,7) verborgenen dunklen Höhle, in der er sich nicht einmal des Osterfestes erinnerte, hinauf auf die Höhen des Berges und dort noch einmal hinauf ins Turmgemach, wo er am Fenster stehend „das Licht sah, das sich von oben ergoss und die nächtliche Finsternis vertrieb. Die ganze Welt wurde ihm vor Augen geführt wie in einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt“ (Dial. 35,2)
Gregor erklärt: „Im Licht innerer Schau öffnet sich der Grund des Herzens, weitet es sich in Gott und wird so über das Weltall erhoben. Die Seele des Schauenden wird über sich selbst hinausgehoben. Wenn das Licht Gottes sie über sich selbst hinausreißt, wird sie in ihrem Inneren ganz weit."(Dial. 35,6)
Die Extase ist möglich, das Überwältigtwerden, das Ergriffensein, die Faszination, die dilatatio cordis.
Das Letzte ist die Erfahrung des Dunklen, des Hässlichen, des abgründig Angstbesetzten nicht.





Mit solchen Gedanken sind wir unversehens in die aktuelle Auseinandersetzung in und mit der Ästhetik geraten, deren Objekt von alters her das Schöne, das Erhabene ist. Auch in der Überschrift unserer Tagesthemen steht „Beauty“.

Bei der Frage, was denn eigentlich unter Ästhetik zu verstehen sei, und bei der Suche nach Antworten stoßen wir auf eine verwirrende, ausufernde Szene, die zunächst nur mutlos machen kann. Das gilt für die philosophiegeschichtliche Untersuchung wie für die Klärung dessen, was denn heute gemeint ist, wenn man von Ästhetik spricht.
Wenn man z.B.von der Ästhetik des menschlichen Körpers, der Ästhetik des Vogelfluges oder des liturgischen Schreitens spricht, meint man weder eine Wahrnehmungsmethode noch eine beschreibende Analyse, sondern den Gegenstand selbst oder ihre Bewegung. Ästhetik wäre so verstanden eine Eigentümlichkeit einer Sache.

Ästhetik soll hier verstanden werden als ein Zugangsweg zu einem Phänomen, das zu benennen wiederum in sich schwierig wird: traditionell ist es das Schöne, das Erhabene! Aber ist es nicht verständlich und richtig, wenn die Auffassung von Welt und Leben eines Schöngeistes, eines Ästhetikers oder gar Ästhetizisten konfrontiert wird mit der hässlichen Wirklichkeit von Krieg und Völkermord, mit dem Gestank von brennenden Häusern, Tieren und Menschen, mit den Schreien der Gefolterten und dem Zittern der Erdbebenopfer und derer, die vor der Zukunft Angst haben.
Wo finden wir dort Schönheit und Erhabenheit?
Ich würde heute gerne mit Wolfgang Welsch definieren als Wahrnehmungsfähigkeit und Empfindungsfähigkeit (Welsch, S. 9 ff). Schulung der äußeren und inneren Sinne nannte ich das bei dem Blick auf die benediktinischen Kontexte. Die Ästhetik bedarf aber heute der Anästhetik, die nicht nur als Kontradiktorium zur Ästhetikverstanden werden darf, sondern als Ergänzung zum Ganzen. Schon in der Medizin ist die Anästhesie die Ausschaltung von Schmerzen. So muss Anästhetik als Schutz der Sensibilität notwendig sein, als Bedingung der Selbsterhaltung, die Bilderflut vor Augen und die Geräuschberge von Tönen und Reden vor Ohr. Anästhetik als Wahrnehmungsverweigerung ist so lebensnotwendig geworden, wie Benedikt damals meinte, ein Erzählverbot denen aufzuerlegen, die auf Reisen dies oder das gehört oder gesehen hatten. Die Klausur ist ein Mittel der so verstandenen Anästhetik.

Wenn die Ästhetik heute des Schweigens der Anästhetik bedarf, muss sie sich selbst gegenüber kritisch sein. Welsch teilt am Beispiel der Arbeit von Bruce Naumann „Taperecorder“ (Tonband einbetoniert) das Verhältnis von Ästhetik und Anästhetik mit: „Auf einem Endlosband, das über einen Kassettenrekorder abgespielt wird, sind Schreie eines Gefolterten aufgezeichnet. Allerdings: zu hören sind sie nicht, denn Band und Abspielgerät sind in einen Betonklotz eingelassen, der wie ein Bunker jeden Ton abschirmt. Das Wahrnehmbare ist nicht wahrnehmbar. Nur aus der Beschreibung weiß man, was hier „gespielt“ wird - und ist entsetzt über die Gefühllosigkeit angesichts solcher Menschenschreie. Genau darin liegt aber der Erkenntniseffekt. Naumanns Installation arbeitet mit der Bewusstmachung der Differenz zwischen konkret Wahrnehmbaren (Betonklotz, Elektrokabel, Beschreibung) und an sich, aber nicht für uns Wahrnehmbaren (Schreie). Damit operiert Naumann in einem bevorzugten Experimentierfeld moderner Kunst: An der Kluft zwischen Wahrnehmbaren und Nicht wahrnehmbaren“. (Welsch, S. 66)
Der Ästhetik sollte es auf das Wahrnehmen des Nichtwahrnehmbaren ankommen. Ästhetik sollte auf die Grenze aufmerksam machen, aufmerksam sein und auf das, was jenseits der Grenze liegt.


Eine benediktinisch geprägte Erziehung, die eine Begleitung ins Leben hinein sein will, muss nach all unseren Überlegungen eine Pädagogik der Sensibilisierung beinhalten. Ein Hinführen und Aneignen der Fähigkeit des Wahrnehmens im Sinn von Gewahr-werden mit den äußeren Sinnen und denen des Herzens, Einübung von Einsicht nehmen in das Tiefgründige und Abgründige. Ich möchte diese beiden Begriffe eher vorschlagen als den Begriff "Erhabenes" als Übersetzung von sublime, den Begriff, den Kant von Edmund Burke (1727-1797) übernommen hat. Tiefgründiges und Abgründiges können Schönheit und Hässlichkeit beinhalten. In der benediktinischen Erziehung muss der Mut erlernt werden, sich in Begleitung kritischer Wachsamkeit von der Wirklichkeit der Welt und von den Werken menschlicher Kunst ergreifen und erschüttern zu lassen. Es muss darüber hinaus die Fähigkeit entwickelt werden, sich und sein Leben kreativ zu gestalten, sein eigenes Inneres mit seinen Innenerfahrungen zu äußern in Klang, Gestus, Bild, oder Erzählung, um so sich selbst kennen zu lernen, sich zu verwirklichen und sich anderen mitzuteilen.

Wenn wir die Erhöhung der Empfänglichkeit durch Ausbildung von sinnlicher Wahrnehmungsfähigkeit erreichen wollen, dann müssen wir zurückkehren zu ganzheitlicher Intensität und Elementarität von Wahrnehmung.
Der ganze Mensch, so wie er im benediktinischen Tageslauf und in der benediktinischen Liturgie ganz ist, muss in der Totalität seiner Möglichkeiten mit der Umwelt zu kommunizieren angesprochen werden. Zwar gibt es Zeiten, in denen ein Modus der Wahrnehmung dominiert (miscens temporibus tempora RB 2,24), in denen der Mensch "ganz Ohr"oder "ganz Auge" ist, aber die anderen Sinne dürfen nicht vernachlässigt werden.

Weil es durch die heutige Reizüberflutung geradezu zum Verlust unmittelbarer Sinnlichkeit kommt, weil die Apparatetechnik unsere Sinne und die durch die Sinne gesteuerte Grob- und Feinmotorik unserer Muskeln mehr und mehr reduziert auf die Kontrolle der Maschine durch das Auge (was durch die Lasertechnik schon wieder überflüssig wird) und das richtige bedienen von Schaltern ( was durch Steuerprogramme schon wieder überflüssig wird) müssen wir elementare und grundlegende Sinnesübungen an bieten. Sehen, Hören , Tasten, Schmecken, Riechen, Körpererfahrungen im Raum. Solche elementare Übungen müssen vom Verstand begleitet und kontrolliert werden, damit Sinn und Verstand zusammenfinden. - Und solche elementaren Übungen dürfen nicht in punktuell und isoliert ermöglicht werden, sondern aus Sinnzusammenhängen entnommen oder in Sinnzusammenhänge gebracht werden.

Die Kombinationen und Vernetzungen ästhetischen Wahrnehmungslernens sind Übungen im Gebrauch der Assoziationsbahnen des Gehirns. Darum bietet es sich an, ästhetische Übungen in den verschiedenen Fächern miteinander zu machen: Wenn Musik und Sport sich vernetzen, Literatur mit bildender Kunst und Musik, wenn grundsätzlich alle Fächer sich auf die Suche machen, ihren spezifischen Anteil an der Ästhetik zuentdecken. In einer Schule könnte dann so etwas wie Synästhetik entstehen. Im ganzheitlichen Ansatz würden nicht nur den Lernzielen mit der schwerpunktmäßigen Betonung der wissenschaftlichen Rationalität die ästhetischen Lernziel hinzuaddieren, sondern beides würde miteinander verknüpft.

Insbesondere durch die neuen Medien entstehen neue Fragen, die Antworten suchen und praktisch-faktische Reaktionen. Die Mediatisierung unserer Kultur wird verstärkt durch die sprunghafte Entwicklung neuer Technologien, was nicht ohne Folge bleiben wird im Bereich der ästhetischen Erziehung. Die neuen Medien sind in der Lage, auf neue Art schneller, billiger und perfekter als bisher massenhaft Bilder zu produzieren und sofort zu vermitteln und zu verbreiten. Dadurch und durch die Geschwindigkeit ihrer Darbietung werden die Bilder noch mehr als bisher zur Massenkonsumware, die sich in Köpfen und Herzen oft unkontrolliert in Quantität und Qualität absetzen. Ob es die Überproduktion audiovisuneller Reize ist, die eine De-sensibilisierung der Wahrnehmung von 1% innerhalb eines Jahres erreicht, wobei die größten Einbrücke beim Geschmacks- und Geruchsinn zu verzeichnen waren? So Untersuchungen der letzten Jahre.

Ich meine, dass wir mit besondere Wachsamkeit und mit korrigierender Praxis auf die neuen Medien reagieren müssten:
Gegen die negativen Folgen der massenhaften Bild- und Tonkommunikation sollte eine kontrollierte, bewusste Entfaltung aller Sinne angestrebt werden.
Es müsste auf Verlangsamung und Rückführung auf elementare Wahrnehmung im Umgang mit elementaren Gegebenheiten wertgelegt werden.
Die Faszination der elektronischen Bilder sollte genutzt werden, um produktiv und aktiv mit den neuen Medien umzugehen und dem passiven Medienkonsum entgegenzuwirken.
Ästhetische Erfahrungen in der Gruppe, gemeinsame Rezeption müsste angesichts der Vereinzelung gegenüber den Massenmedien gefördert werden.
Kompetenz im Umgang mit den neuen Medien und Technologien sollte gelehrt werden, um selbst digitale elektronische Bilder und Klangwelten herstellen zu können, die Phantasie und Denken anregen.
Die Medien sollten genutzt werden, um Bilder, Klänge, Tänze und Spiele zu vergegenwärtigen, die sonst nicht erreichbar wären oder die sogar in der Gefahr wären durch den unmittelbaren Kontakt mit ihnen mehr und mehr zerstört zu werden, Bauwerke, Kultstätten, Landschaften, Kleinodien, Schriften, Buchmalereien.

Ich glaube, dass wir Schulpraktiker wissen, warum Benedikt sein Kloster als scola (Schule RB Prol 45) und als officina (Werkstatt RB 4,78) bezeichnet, weil es in beiden nichts Fertiges gibt.
Wie vielmehr ist in einer Schule, die von einem Kloster, das selbst Schule ist und damit die Gradualität des Lebens betont, ein Ort der ständigen Bewegung. Auch dieses Referat müsste nach vielerlei Seiten hin weitergeführt werden.

Darum möchte ich am Ende meiner Ausführungen noch einmal auf die in den Gregorianischen Dialogen erzählte Lebensbewegung des Hl. Benedikt zurückkommen - auch weil sie in sich ein Beispiel dafür ist, dass in ihr Unwahrnehmbares durch sensible Wahrnehmung erfahrbar ist.

Aus der Stille der dunklen Höhle der Anästethik, der Verweigerung der sinnlichen Wahrnehmung, um die inneren Sinne zuschärfen, steigt Benedikt hinauf auf den Berg, wo er die Lebensschule, die Lebenswerkstatt mit anderen gründet und der er in seiner von der Regel gelenkten Lebenspraxis mit seinen Mönchen und in Gemeinschaft mit ihnen eine Synästhetik lebt. Von dort steigt er noch einmal weiter auf den Turm, den Gipfel seines Lebens, wo das Unwahrnehmbare wahrnehmbar wird in gnadenhaft geschenktem Licht.

Diese Gipfelerfahrung ist aber nur möglich, wenn Herz und Sinne dazu bereitet wurden, wenn eine Schule, eine Werkstatt durchlaufen ist, in der Sehen und Hören und die anderen Wahrnehmungen gelehrt werden und nicht vergehen und infolge dessen die Herzen unsensibel und verhärtet werden und nicht weit

Darum:

Apertis oculis nostris ad deificum lumen
adtonitis auribus audiamus,
divina cotidie clamans quid nos admonet vox dicens:
Hodie si vocem ejus audieritis,
nolite obdurare corda vestra

Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht
hören wir mit aufgeschrecktem Ohr,
heute, wenn ihr seine Stimme hört,
wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft:
verhärtet eure Herzen nicht.

Let us open our eyes to the divine light,
and hear with our ears the divine voice
as it cries out to us daily:
do not harden your hearts
to-day if you hear his voice,

RB Prol 2

P. Michael Hermes OSB, Abtei Königsmünster, Meschede


Literatur:

Welsch, Wolfgang, Ästhetisches Denken, Stuttgart 1989
Broer, Werner und Schulze-Weslarn, Verfremdung, Provokation, Deutung, Christliche Kunst des 20. Jahrhunderts, Hannover 1993
Grünewald, Dietrich (Hg) Kunst und Unterricht - Kunstdidaktischer Diskurs (Sammelband) Texte zur ästhetischen Erziehung von 1984 bis 1995, Velber 1996