Worth Abbey, Oktober 1999
(Übersetzung aus dem Englischen: P. Benedikt Michels O.Cist.)
Guten Morgen. Ich bin gebeten worden, etwas von den Erfahrungen der Manquehue Bewegung auf dem Gebiet der Erziehung mit Ihnen zu teilen. Ich denke, dass ich damit beginnen muss, ein wenig unsere Bewegung und ihre Ursprünge zu erklären. Dann werde ich einige Gedanken über christliche und im Speziellen benediktinische Erziehung äußern. Ich werde ebenfalls ein wenig zu dem zu sagen, was wir in unseren Schulen in Chile beabsichtigen, da dies von Interesse sein könnte.
Eine weitere Anmerkung: Ich bitte Sie, mir meine Unkenntnis der inklusiven Sprache zu vergeben.
Dass ich überhaupt in der Erziehung tätig bin, hat mit einer Erfahrung zu tun, die ich als Universitätsstudent in Santiago in den 70er Jahren hatte. Ich war 25 und, wie man das so nennt, in einer existentiellen Krise. In dieser Zeit, in der mir nichts Sinn zu machen schien, drückte mir ein Benediktinermönch die Heilige Schrift in die Hand und lehrte mich sie so zu lesen, dass sich Jesus Christus selbst, auferstanden und lebend, mir in ihr zu offenbaren schien, um Licht in mein Leben fallen zu lassen und es mit Sinn zu erfüllen. Obwohl ich mich deutlich an den Tag erinnern kann, an dem ich zum ersten Mal in dem Kloster aufgetaucht bin, war dieses neue Bewusstsein eine schrittweise Erkenntnis. Ich ging beinahe täglich zu diesem Kloster, wo sich Pater Gabriel mit schier endloser Geduld Zeit für mich nahm, meine Fragen aufgriff, meine Ängste teilte und mir half, auf die Antworten, die Gott für mich in Seinem Wort bereithielt, zu hören. Dies ging drei Jahre lang so, und das Unglaubliche war, dass nicht das, was Pater Gabriel mir sagte, das Bedeutsamste war, sondern der, auf den er mich zu hören lehrte. Schritt für Schritt merkte ich, dass es Jesus Christus war, an den ich herantrat, und ich sah immer mehr, dass Gott nicht eine unpersönliche Kraft ist, sondern eine Person, die mich liebt und der ich am Herzen liege.
Am Ende dieser Zeitspanne wurde ich, ohne richtig zu wissen wie, mit der Leitung einer Firmgruppe in ihrem Abschlussjahr in meiner alten Schule betraut. Alles, was ich mit ihnen machte, war das, was Pater Gabriel mit mir gemacht hatte: Wir nahmen die Bibel und machten uns daran zu entdecken, wie das Wort Gottes jeden einzelnen von uns anspricht. Ihre Reaktion war bemerkenswert. Wir waren bald von Idealen erfüllt. Wir wollten Dinge tun, die Welt verändern. Wir wurden Freunde, sehr gute Freunde. Wir entschieden uns, uns zu organisieren, und nannten uns nach der Manquehue Schule, zu der wir alle gehörten, Apostolische Manquehue Bewegung. Manquehue ist der Name eines nahegelegenen Berges und bedeutet in der Sprache der einheimischen Indianer "Ort der Kondore".
Eine unserer wichtigeren Aufgaben war unsere Arbeit mit kleinen Kindern. Wir fühlten, dass wir uns einfach ihrer annehmen und ihnen von unserer Erfahrung mit Jesus Christus erzählen mussten. Eine ganz besondere Beziehung begann sich zwischen einer Anzahl älterer und jüngerer Schüler/innen zu entwickeln. Sie halfen uns, die jüngeren Sportgruppen zu trainieren, halfen ihnen beim Lernen, oder spielten einfach mit ihnen in ihrer Freizeit. Wir begannen zu entdecken, dass diese spezielle Beziehung, die wir tutoría nannten, ein wertvolles Mittel war, um mit den Kindern über diesen lebendigen Gott zu reden, der so viel mit ihrem Leben und all dem, was ihnen geschah, zu tun hat, der zu ihnen durch Sein Wort sprach, und der ihre Gebete hörte.
Es lohnt sich zu betonen, dass tutoría, diese besondere Beziehung zwischen älteren und jüngeren Schüler/innen, in unseren Schulen auch heute sehr lebendig ist. Ja, es ist sogar so, wie im Lauf meines Referates noch deutlich werden wird, dass unsere drei Schulen aufhörten zu bestehen, wenn diese tutoría nicht mehr existierte. Man kann sogar sagen, dass tutoría die Seele jeder Schule ist. Ohne die Tutor/innen fiele unser ganzes Erziehungsprojekt in sich zusammen. Das Ergebnis ist, da die Mehrheit unserer Tutor/innen Schüler/innen sind, dass die Schüler/innen selbst als fundamentaler Teil unseres Erziehungsprojektes angesehen werden müssen.
Um zu den frühen Tagen zurückzukommen: Am Ende mussten wir die Manquehue Schule aus verschiedenen Gründen verlassen, und wir begannen nach einer kurzen Zwischenzeit, in der wir unseren Sitz in einem kleinen gemieteten Haus hatten, in einer Pfarrgemeinde zu arbeiten. Wenn ich das Vorhaben unserer Gemeinschaft in diesen ersten Jahren erläutern sollte, so würde ich so sagen: Wir waren Freunde, die aufmerksam auf das Gotteswort achteten und sich bemühten, auf Seinen Ruf zu antworten. Und als wir im Jahre 1982 das San Benito College gründeten, hat uns dieses neue Projekt befähigt, diese Freundschaft, dieses Hören und dieses Antwortgeben weiterzuentwickeln.
Seitdem ist die Apostolische Manquehue Bewegung zahlenmäßig und in Bezug auf ihre Aktivitäten gewachsen. Alle Mitglieder haben jedoch eine fundamentale Erfahrung gemeinsam: Jemand hat sie im Geiste eines liebenden Willkommens gelehrt, mit der Bibel so umzugehen, dass sie Jesus Christus in ihr persönlich begegnen. Diese Begegnung führt sie dazu, sich taufen zu lassen, oder sich mehr bewusst zu werden, was ihre Taufe als Kinder bedeutet hat und auch jetzt bedeutet. Sie sind Christen geworden, das heißt, sie gehören zu Christus. Sie merken allerdings, dass die Früchte ihrer Taufe nicht sofort offensichtlich werden, dass ihre Taufe wie ein Keim oder ein Samenkorn im Boden ist, das dazu bestimmt ist, sich im Laufe ihres Lebens zu entfalten, so wie eine Begabung darauf wartet, entwickelt zu werden. Die vor ihnen liegende Aufgabe ist es, alles zu tun, um dieses Samenkorn zur vollen Reife gelangen zu lassen.
Im Laufe der Jahre hat der Heilige Geist die Manquehue Bewegung hin zur Regel des hl. Benedikt geleitet als einem Weg, der den Mitgliedern bei ihrer Aufgabe helfen soll. In der Regel haben die Mitglieder ein sehr praxisnahes Mittel gefunden, um sich zum Zwecke des "Aus-Lebens" ihrer Taufe zu organisieren. Sie haben herausgefunden, dass das, was der hl. Benedikt vor mehr als 15 Jahrhunderten schrieb, gänzlich geeignet ist für ihr Leben im Heute. Die Bewegung stellt daher eine Erweiterte Benediktinische Gemeinschaft dar, das heißt, eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die unter der Regel und einem Oberen gemeinsam leben, arbeiten und beten. Wir verwenden das Wort "erweitert", weil die Bewegung, obwohl sie einige eigene Häuser hat, ungleich einem Kloster, keine festen territorialen Grenzen kennt und viele verschiedene Orte umfasst, an denen ihre Mitglieder leben, arbeiten und beten.
Heute hat die Bewegung annähernd 900 Mitglieder: Frauen und Männer, reiche, nicht-so-reiche und arme, verheiratete und unverheiratete, junge und alte. Mehr als ein Drittel sind jünger als 25. Einige fühlen sich der Bewegung tiefer verbunden als andere, aber ihr Herz formen "die Oblaten", die eine kleine innere Kommunität ausmachen, der sich der Rest der Mitglieder in unterschiedlichen Verpflichtungs-graden annähert. Diese "Oblaten" sind Laien, die eine stabile Verpflichtung innerhalb der Bewegung eingegangen sind. Sie zählen zur Zeit 22: dreizehn Verheiratete und neun Zölibatäre, sieben Frauen und fünfzehn Männer. Die Hauptaufgabe der Bewegung neben der Feier des Stundengebetes im Chor ist die Erziehung. Das San Benito College begann, wie ich schon erwähnt habe, 1982 und hat jetzt 1500 Schüler/innen. San Lorenzo College wurde 1986 errichtet, und wird zur Zeit von 600 Schüler/innen in einer armen Gegend in Santiago besucht. San Anselmo College wurde 1995 gegründet, und hat zur Zeit 500 Schüler/innen mit einer ins Auge gefassten Zahl von 1800, sobald das Projekt vollendet ist. Alle drei sind koedukative Tagesschulen. Internatsschulen gibt es sehr selten in Chile. Die Jungen und Mädchen beginnen im Alter von vier Jahren und verlassen die Schule, wenn sie 18 Jahre alt sind.
Eines der bemerkenswertesten Dinge bezüglich der Benediktsregel ist ihr Anpassungsvermögen. Wir wissen, dass das vor allem mit dem menschlichen Einfühlungsvermögen der Regel zu tun hat, ihrer Fähigkeit, die innere Natur dessen zu verstehen, was es bedeutet, Mensch zu sein, verbunden mit jener ausgeglichenen Vernunftbetontheit (? level headedness ?) und jenem unbezwingbaren Geist, die sie von Anfang bis Ende durchziehen. Wenn wir es unternehmen, christliche Erziehung zu beschreiben, dann sollten wir auf eben dieses Anpassungsvermögen der Regel schauen als eines Maßstabes, der dazu bestimmt ist, uns davor zu bewahren, in diesen wechselhaften Zeiten durcheinander gebracht zu werden. Christliche Erziehung, wie die Regel, muss sich anpassen, ohne ihre essentielle Botschaft und Absicht zu verlieren. Viele Dinge ändern sich, aber der Mensch bleibt derselbe. Seine fundamentalen Fragen bleiben dieselben und die Antworten, die das Evangelium für ihn bereithält, bleiben die einzigen, die wirkliches Leben, Erfüllung und Sinn für ihn bereithalten. Welche Zeit und welcher Ort auch immer, christliche Erziehung muss immer eine Sache der Evangelisation sein.
Erziehen heißt, Menschen zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus zu locken. Es heißt, sie zu lehren, wie sie auf den Gott, der zu ihnen spricht, hören können, und sie zu begleiten, so dass sie auf das Wort, mit dem Gott sie anspricht, antworten können.
Ich werde oft gefragt, welche Art Schulabgänger wir schaffen wollen. Meine einzige Antwort ist es zu sagen, dass wir Männer und Frauen wollen, die in der Lage sind auf das Wort Gottes zu hören und auf Seinen Ruf an sie zu antworten. Unsere Berufung ist das Wort, das Gott an jeden einzelnen von uns richtet. Es kommt von Gott, nicht von uns oder von anderen Leuten. Folglich heißt erziehen nicht nur einen Menschen zu lehren, aufmerksam zu sein, zuzuhören, sondern auch diesen Menschen zu begleiten in seiner Antwort auf das Wort. Solche Begleitung muss durch Helfen, Korrigieren und Ermutigen eines Menschen geschehen, und nicht dadurch, dass er mit fertigen Ideen und Ratschlägen unterwiesen wird.
Von dieser Perspektive her gesehen muss das Motiv und das Ziel christlicher Erziehung die Liebe sein. Ich möchte gerne einen von Cardinal Humes Gedanken aufgreifen. Er sagt in seinem Buch "In Praise of Benedict", dass "die Gute Nachricht, die dir und mir im Herzen des Evangeliums gegeben ist, das zweifache Gebot ist, Gott zu lieben und unseren Nächsten zu lieben. Wir lieben nicht automatisch Gott und unseren Nächsten in der Weise, wie unser Herr möchte, dass wir sie lieben. Diese Liebe muss gelernt und geübt werden. Das braucht Zeit und Mühe. Das Kloster ist eine Schule, solche Liebe zu lernen. Unsere Schulen, unsere Klöster sind Orte, wo wir Liebe lernen und üben." Wir sollten nicht die Liebe aus den Augen verlieren, wenn wir über christliche Erziehung reden.
Ein Benediktiner zu sein ist mehr oder weniger eine Form, Christ zu sein. So haben wir in der Manquehue Bewegung gelernt zu verstehen, wie die Regel des hl. Benedikt ein spezifischer Weg ist, die Taufe, die wir mit allen Menschen des Gottesvolkes teilen, zu leben.
Ebenso ist benediktinische Erziehung nur ein spezifischer Weg, Menschen im Evangelium zu erziehen. Was diesen Weg von anderen unterscheidet ist die Inspiration, die er aus der Regel des hl. Benedikt bezieht. Es gibt vor allem zwei Wege, durch die wir diese Inspiration in unser Schulleben einfließen lassen können. Ein Weg ist es, direkt zum Text der Regel zu gehen und uns zu fragen, welchen Ratschlag wir glauben uns der hl. Benedikt wohl gäbe, wenn er heute bei uns wäre, wenn wir mit einer bestimmten Situation in der Schule konfrontiert sind. Der zweite ist eher indirekt, wenn wir einfach eine benediktinische Art und Weise, die Dinge zu sehen, durch das Leben und Beispiel derer in der Schule scheinen lassen, die die Regel Tag für Tag leben. In meinen Augen sind beide Wege der "Benediktinisierung" des Schullebens unersetzbar, und sie ergänzen einander, aber ich glaube, dass es in diesen Tagen und dieser Zeit schwerwiegende Argumente dafür gibt, den Einfluss und die Gegenwart der Regel in unseren Schulen viel ausdrücklicher zu machen. Das erfordert eine feste Überzeugung, dass der hl. Benedikt uns wirklich etwas Wichtiges über Erziehung zu sagen hat.
Vor einigen Jahren haben wir eine Taschenausgabe der Regel gekauft, die in unseren Schulen Verwendung findet.
Indem wir diese Art des Kontaktes mit der Regel mit dem Beispiel, das sich in so vielen Klöstern findet, verbunden haben, und durch inbrünstiges Gebet zum hl. Benedikt selbst, sind wir in die Lage versetzt worden zu sehen, welch ungeheure Menge die Regel uns zu sagen hat. Wir sind sogar dazu gelangt zu sehen, wie jeder einzelne Teil der Regel auf das Leben von Laien angewendet werden kann, und somit auf unsere Arbeit in der Erziehung. Der Gebrauch der Regel in unseren Schulen ist nicht auf die Mitglieder der Manquehue Bewegung beschränkt. Wir stellen sicher, dass jede/r Lehrer/in die Regel kennenlernt, und in speziellen innerhäuslichen Trainingskursen, wie man sie benutzen kann. Unsere Schüler/innen lernen im Religionsunterricht und in den Hausaufgaben, wie man Gebrauch von der Regel machen kann. Außerdem stellen wir sicher, dass unsere Eltern auf Wochenend-Workshops mit der Regel vertraut gemacht werden und Nahrung von ihrer Weisheit beziehen können.
Ich will nun auf einige unserer Schlüssel-Projekte detaillierter eingehen. Ich hoffe, dass Sie mir die Details vergeben, aber ich denke, der beste Weg, mit Ihnen unsere Erfahrungen zu teilen, ist es, weniger über die Theorie und mehr über die Praxis zu reden.
Die Fähigkeit "zu hören" ist die primäre Befähigung, die wir in unseren Kindern sehen wollen. Mit "Hören" meine ich die wache Offenheit des Menschen für Gott: einen Gott, der zu uns durch Jesus Christus, das menschgewordene Wort, spricht, der sich uns seinerseits selbst zugänglich macht durch das betende Lesen der Heiligen Schriften oder in dem, was wir lectio divina nennen. Wie bei allen Befähigungen ist diese Fähigkeit zu hören etwas, das gelehrt werden muss, und zwar so, dass wir den Ratschlag des hl. Benedikt beherzigen, dass unterschiedliche Temperamente und Altersstufen unterschiedlichen Umgang mit ihnen benötigen (vgl. RB 2,31). Wir bemühen uns darum sicherzustellen, dass das Wort Gottes ständig in unseren Schulen gegenwärtig ist. So beginnen alle Kinder den Schultag dadurch, dass sie auf eine Lesung aus dem Evangelium hören, auf welche ein Moment des Schweigens für Gebet und Betrachtung folgt. Eine Wochenstunde ist für tutoría reserviert, die ich gleich erklären werde. Wir stellen ebenso sicher, dass es verschiedene Gelegenheiten gibt für den Rest der Schulgemeinschaft, um auf das Wort Gottes zu hören: jedes Treffen einer Abteilung, jedes Gespräch mit Eltern, jede Konferenz mit dem Direktor, fast jede Aktivität in der Schule beginnt mit einer Evangelienlesung und einem Augenblick für stilles Gebet oder, wenn jemand es will, mit dem Teilen dessen, was er/sie glaubt, dass das Wort ihnen persönlich sagt und mitteilt.
Nur das Wort zu lesen reicht allerdings nicht schon aus. Es ist notwendig, dass das Wort bei jedem einzelnen ankommt. Wir müssen uns daran erinnern, was der äthiopische Eunuch in der Apostelgeschichte zu Philippus sagt: "Wie kann ich (die Schriften) verstehen, wenn ich niemanden habe, der mich anleitet?" (Apg 8, 31). Hier kommen nun die Tutoren dazu. In unseren Schulen müssen die Tutoren den Philippus für die Kinder spielen. Ein Tutor kann ein älterer Schüler (senior student) sein, ein ehemaliger Schüler oder eine ehemalige Schülerin, oder ein jüngeres Mitglied der Manquehue Bewegung, der/die einer spezifischen Gruppe von Kindern zugeteilt ist, mit denen er oder sie im Laufe der Zeit eine starke, persönliche Beziehung aufbaut, wobei er oder sie sich um das Wohlbefinden der Kinder kümmert und wie sie in der Schule und zu Hause zurechtkommen, und der/die durch Liebe sicherstellt, dass kein Kind sich in der Menge verloren fühlt. Jeder Tutor war im allgemeinen selber einmal Empfänger von tutoría, und wenn er oder sie sich freiwillig anbieten, nun selbst ein Tutor zu sein, dann ist es ihre Aufgabe, für die Kinder zu sorgen und den lebendigen Gott den Jüngeren zu zeigen, einen Gott, der zu ihnen spricht durch die Schriften und der in ihrem alltäglichen Leben am Werke ist. Ein Tutor kann einen enormen Einfluss gewinnen im Leben und Glauben eines kleinen Jungen oder Mädchens. Wenige Erwachsene sind in den Augen beispielsweise eines Acht- oder Zehnjährigen so glaubwürdig, wie dies ein/e älterer/e Schüler/in von 16 oder 17 Jahren sein kann. Tutoren arbeiten nicht nur mit den Kindern während der wöchentlichen tutoría Einheit. Es gibt viele andere Gelegenheiten, um diese spezielle Beziehung zu entwickeln, so bei den Pfadfindern, beim Aushelfen im Training der jüngeren Sportmannschaften, bei der Mithilfe bei unseren Juniorentheatern oder durch Teilnahme an den Ausflügen der Kinder. Hierdurch prägt tutoría die gesamte Atmosphäre einer Schule.
Die wöchentlichen tutoría Einheiten enden, wenn die Kinder 15 Jahre alt geworden sind (vgl. RB 70,4). Jetzt können sich die Schüler/innen freiwillig einer Bibel-Teilen-Gruppe anschließen, die von der Manquehue Bewegung getragen wird. Diese Gruppen von zwischen sechs und zwölf Leuten treffen sich einmal in der Woche außerhalb der Schulstunden. Gegenwärtig gehören über die Hälfte der 15- bis 18-jährigen in unseren Schulen einer solchen Bibel-Gruppe an. (Es ist wohl wichtig anzumerken, dass diese Bibel-Gruppen nicht nur für Schüler/innen gedacht sind. Es gibt Bibel-Gruppen, die sich neben Schüler/innen aus Eltern, Lehrer/innen und technischem Personal (maintenance staff) zusammensetzen.) Bei ihren wöchentlichen Treffen verkünden die Schüler/innen das Wort Gottes und teilen es miteinander oder beten es laut heraus, was Gott ihnen sagt. Jede Gruppe wird von einem etwas älteren Mitglied der Manquehue Bewegung geleitet.
Ein lebenswichtiger Aspekt der tutoría sind Einkehrtage, zu denen wir jede Klasse im Alter zwischen zehn und achtzehn Jahren für ein ganzes Wochenende im Jahr in ein Exerzitienhaus auf dem Land schicken.
Ein anderer wichtiger Teil dieses Prozesses sind verschiedene Dienst-Projekte, die wir mit unseren Schüler/innen leisten. Der hl. Benedikt lädt uns ein, Christus selbst in den Gästen, die in einem Kloster ankommen, zu erkennen, in den Armen, den Alten, den Behinderten und einfach in allen, die Zuwendung brauchen. Indem wir die Schüler/innen mit dem gegenwärtigen Christus in den Hilfsbedürftigen in Kontakt bringen, schaffen wir weiteren Raum für das Hören auf den Herrn. Um allerdings diese Dienst-Projekte zu einem authentischen und expliziten Kontakt mit Christus werden zu lassen, müssen wir die Bedeutung des Einbringens von lectio divina und Stundengebet in solche Aktivitäten erkennen, und dass die Dienste mit anderen, in Gemeinschaft getan werden.
Gebet spielt in allem, worüber ich bisher erzählt habe, eine wichtige Rolle. Die lectio divina, die in der tutoría beigebracht wird, offenbart einen Gott, der nicht nur spricht, sondern der auch antwortet. Die Kinder erfahren davon zunächst aufgrund des Zeugnisses ihrer Tutoren, und mit der Zeit entdecken sie dies für sich selbst durch ihre eigene Erfahrung. Zu wissen, dass Gott auf unsere Gebete antwortet, dass Gott erreichbar ist, ist ohne Zweifel eines der Hauptanreize für das Gebet. Der hl. Benedikt gibt jedoch dem Gemeinschaftsgebet, dem Stundengebet, die erste Stelle. Lassen Sie mich kurz über einige Weisen erzählen, in denen wir versucht haben, diesen Aspekt des benediktinischen Lebens in unser Schulleben zu integrieren.
Erstens haben wir sichergestellt, dass jede Schule ein regelmäßiges Chorgebet hat, das für jedermann offen ist. Laudes, Mittagshore und Vesper werden so von Montag bis Freitag gefeiert, und die Kinder wissen, dass sie daran teilnehmen können, wann immer sie wollen.
Zweitens haben wir versucht, ein Programm zu entwickeln, durch das unsere Schüler/innen wirklich verstehen können, was es heißt, gerufen zu sein, die Kunst des Stundengebetes aufzunehmen, und dabei unsere Zugehörigkeit zur Kirche zu vertiefen. Ein Beispiel in diesem Programm ist, dass unsere Schüler/innen im Alter von zehn Jahren beginnen, einfache Psalmtöne in ihren Musikstunden zu lernen. Ein weiteres besteht darin, dass wir ihnen zu ihrer Ersten Heiligen Kommunion ein Kompletbuch schenken, eine einfach zu benutzende Ausgabe mit einem vierwöchigen Rhythmus, das wir vor einigen Jahren aufgekauft haben. Ja, wir haben festgestellt, dass die Komplet der allgemein zugänglichste Weg in das Stundengebet darstellt, besonders wenn es Familien gelingt zu beginnen, es gemeinsam zu beten.
Gemeinschaft ist eine weiteres Kernmerkmal unseres Schullebens. Wir verstehen jede Schule, jede Klasse, jede Abteilung als eine Gemeinschaft, und als solche als ein Bild der Kirche.
Wir brauchen Gemeinschaft. Wir sind alle schwach. Wir können es nicht alleine machen. Wir müssen zu "der Reihe der Brüder" gehören (RB 1,5), die uns korrigieren kann, die uns lehren kann und die für uns erreichbar ist. Wir brauchen die Unterstützung anderer. Das gilt genauso für unsere Schüler/innen wie für uns.
Darüber hinaus müssen unsere Schulen Gemeinschaften sein, die in Liebe aufgebaut sind. Aber diese Liebe kann nicht theoretische Liebe sein. Sie muss real und personal sein. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Eltern ihre Söhne und Töchter uns anvertrauen, weil sie sie lieben. Unsere Schulen müssen ein Ort sein, auf den wir diese familiäre Liebe ausdehnen können. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, ist tutoría unerlässlich. Sie ist die Garantie für diese personalisierte Liebe. In diesem Licht gesehen habe ich keinen Zweifel, dass tutoría die Seele jeder Schule darstellt.
Eine Weise diese personalisierte Liebe zu pflegen, findet sich in dem, was wir im Spanischen la acogida nennen. Dieser Begriff ist schwer ins Englische zu übersetzen. Das Wörterbuch bietet mehrere Übersetzungsmöglichkeiten an, wie Willkommen, Empfang, Aufnahme, Zuflucht, Einlass - was Ihnen den Eindruck vermitteln wird, dass das Wort etwas mit Gastfreundschaft zu tun hat. So sah der hl. Benedikt Christus in seinen Gästen, und wenn wir in unseren Schulen auf acogida bestehen, dann erwarten wir eine Haltung, die Christus selbst in anderen Menschen, egal wer sie sein mögen, erkennt, die Öffnung des eigenen Herzens für die Liebe dieser anderen Person, die Schaffung von Raum im eigenen Denken und des Horchens aufeinander mitten in all dem Beschäftigtsein und den Aufgaben, die unser Herz besetzt halten. Es ist nicht ohne, von jedermann zu erwarten, diese Art von Einstellung zueinander zu haben, aber es ist eine grundlegende Aufgabe von tutoría, diese acogida zu ermutigen und zu leben. Wir bestehen ganz eindringlich darauf, dass die erfahreneren Tutoren acogida mit ihren Schüler/innen praktizieren, vor allem mit den älteren. Sie müssen bereit sein, Zeit mit ihren Schüler/innen zu "verschwenden" und für jede/n Schüler/in, der/die sich an sie wendet, verfügbar zu sein.
Schulgeist und -loyalität sind weitere wichtige Aspekte, um eine Schulgemeinschaft zu bilden. Wieder spielen hier die Tutoren eine Schlüsselrolle. Sie wissen, dass sie unersetzbar sind. Sie wissen, dass die Schule ist, was sie sind. Sie wissen, dass wir ohne sie keine liebende Schulgemeinschaft aufbauen können, und das wiederum heißt, dass sie sich ohne Unterschied mit den meisten Bereichen des Schullebens identifizieren. Wir haben entdeckt, dass diese Bewusstheit ihrer Rolle einen Stolz, eine Loyalität und eine Liebe zur Schule hervorrufen, die von unschätzbarem Wert in diesem Schaffungsprozess sind.
Ein weiterer Aspekt unseres gemeinschaftlichen Lebens in der Schule ist die Art und Weise, wie wir Freundschaft zwischen unseren Schüler/innen fördern. Speziell ein kleines Buch ist uns auf diesem Gebiet von großer Hilfe gewesen, Aelred von Rievaulxs "Über die geistliche Freundschaft". Ich habe vorhin schon erwähnt, wie wir in den ersten Jahren der Bewegung begannen, auf das Wort Gottes zu hören, und wie wir über unseren Wunsch, auf dieses Wort zu antworten, enge Freunde wurden. "Über die geistliche Freundschaft" hat uns in unserer Überzeugung bestärkt, dass unsere Freundschaften kein Zufall waren, dass sie ein wesentlicher Grundzug unseres Weges waren. Es hat uns ebenfalls gelehrt, unsere Freundschaften in Christus zu entwickeln und in die Richtung auf Christus. Und dies ist die Art Freundschaft, die wir unseren Schüler/innen heute in unseren Exerzitien, in den tutoría und in der geistlichen Gemeinschaft beibringen. Vor allem versuchen wir dieses Ideal der Freundschaft untereinander selbst zu leben.
9. ORDNUNG, DISZIPLIN UND FREIHEIT
Unsere Schulen setzen sich wie jede andere Gemeinschaft aus schwachen Menschen zusammen. Wir brauchen Hilfe. Wir müssen lernen. St. Benedikts Konzept "einer Schule des Herrendienstes" (RB Prol 55) ist uns in diesem Punkt eine reiche Quelle der Inspiration gewesen. Es hat uns geholfen zu verstehen, dass unsere Schulen nicht Orte für die sein sollten, die wissen, sondern für die, die lernen wollen, nicht für die, die bereits können, sondern für die, die Hilfe brauchen. Denn "nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken" (Mk 2, 17).
Allerdings sind in dieser "Schule des Herrendienstes" Ordnung und Disziplin unerlässlich. Ein kurzer Blick auf die Regel genügt, um uns dies zu zeigen. Sie ist voller detaillierter Anweisungen, wie ein Kloster zu führen ist: Zeiten, Orte, Verantwortlichkeiten, Strafen. Jedoch macht der hl. Benedikt klar, dass Ordnung und Disziplin keine Ziele in sich sind. Er mahnt am Ende des Prologs "ein wenig Strenge" an, aber er erklärt auch, dass diese dazu führt, "dass das Herz weit wird und es überfließt in unsagbarem Glück der Liebe". Kapitel 7 lässt uns eine Reise durch die Aszese und Entsagung nehmen, die uns am Ende der Tage "vollkommene Liebe zu Gott, die alle Furcht verdrängt", bringen wird. Schließlich kulminiert die Regel in dieser wundervollen Beschreibung der Fülle der geschwisterlichen Liebe und des ewigen Lebens, die wir im Kapitel 72 finden.
Dieses Konzept einer Schule für die Schwachen und Kranken und des rechten Ortes und des Sinnes von Ordnung und Disziplin in ihr haben uns grundlegend geholfen zu entscheiden, welche Art von Regeln und disziplinären Maßnahmen wir in unseren Schulen in Chile haben sollten. Ich habe nicht vor, alle diese Dinge hier zu erklären, aber es mag für Sie von Interesse sein, wenn ich einige der wichtigeren Kriterien, die St. Benedikt, wie wir glauben, uns gelehrt hat, mit Ihnen teile. Schulregeln sind nicht dazu da, unsere Schüler/innen zu beschränken und zu begrenzen, sondern ihnen zu einer größeren Freiheit zu helfen. Sie sollen darauf zielen nicht nur "Fehler zu bessern", sondern "die Liebe zu vermehren" (RB Prol 47). Wir dürfen Regeln nicht zur Sache einer Linie, die nicht überquert werden darf, werden lassen, sondern vielmehr zu einem Rahmenwerk, das uns hilft, zu korrigieren, was schlecht ist, und zu bestärken, was gut ist, wie die Regel sagt: "gewinnen, tadeln und ermutigen ... wie jeweils angemessen" (RB 2,31). So sind wir dazu gekommen, correctio und acogida als zwei unterschiedliche Weisen einer einzigen Liebestat zu sehen. Liebe ohne correctio ist nichts anderes als ein Laster. Correctio ohne Liebe endet nur in Aufbegehren. Das Ziel und der Sinn von Bestrafung muss darauf zielen, einen inneren Wandel herbeizuführen. Disziplinäre Maßnahmen sind nicht dazu da, um Gerechtigkeit zu schaffen, sondern um die Person zu heilen, die einen Fehler begangen hat. Das heißt, dass die, die für Disziplin verantwortlich sind, sich bewusst sein müssen, dass sie "die Sorge für gebrechliche Menschen übernommen" haben (RB 27,6). Sie müssen ihre "Fähigkeit, Seelen zu gewinnen" (RB 58,6) entwickeln, eine Aufgabe, die Kreativität und Takt erfordert, da "jedes Alter und jede Einsichtsfähigkeit die für sie passende Behandlung erfahren soll" (RB 30,1). Das heißt nicht, dass wir bei einigen einfach etwas weniger erwarten sollten, sondern wir sollten jede/n Schüler/in unter dem Blick begegnen, was wir von ihm oder ihr erwarten können, und welches die beste Weise ist, dies zu erreichen, "so dass die Starken etwas haben, nach dem sie sich ausstrecken können, und die Schwachen nichts, wovor sie weglaufen" (RB 64,19). Bei jüngeren Kindern ist es notwendig, "Laster zu beschneiden, solange wir können, sobald sie zu wachsen beginnen" (RB 2,26), denn wenn Kinder älter werden, wird dies viel schwerer, und dadurch lernen sie "die gute Angewohnheit und Freude der Tugend" (RB 7,68). Der hl. Benedikt hat noch viele andere Dinge zu sagen über Ordnung und Disziplin in unseren Schulen. Wie Sie wissen, hat die Regel uns viel zu sagen über correctio unter vier Augen und öffentliche correctio, die Notwendigkeit einer zunehmenden Strenge, mit der Wiederholungstäter zu bestrafen sind, über Gebet als eines kraftvollen Mittels, schwierigen Kindern zu helfen, über die Notwendigkeit zu strafen, um anderen ein mahnendes Beispiel zu geben, und schließlich über die Notwendigkeit, Leute zu Wohle der Gemeinschaft auszuschließen (vgl. RB 70,3 und RB 28,6). Aber ich wollte, wie gesagt, nur das mit Ihnen teilen, was wir als das Nützlichste in Erfahrung gebracht haben.
Eines der unwiderstehlichsten Merkmale der Regel ist ihre ganzheitliche Sicht. Der hl. Benedikt sieht jeden Augenblick des Tages, jeden Ort, jede Aktivität, jede Person als Teil eines Ganzen, das auf ein singuläres Ziel hinweist: Gott. Das traditionelle benediktinische Motto Ora et Labora drückt diese Sicht treffend aus: Gebet und Arbeit, zwei Weisen eines einzigen Weges. Gott kann überall gefunden werden von der Person, die Ihn sucht. Die heidnische Aufsplitterung der Welt in Materielles und Spirituelles ist der Regel völlig fremd. Noch auch gibt es in der Regel irgendeinen Hinweis auf die Spaltung christlichen Lebens in Aktion und Kontemplation. Wir haben vielmehr entdeckt, dass die Regel einen überzeugenden Weg bietet, dem Ruf des Vatikanums nach einer stärkeren Einheit von Glaube und alltäglichem Leben gerecht zu werden.
Daraus folgt, dass wir in unseren Schulen versuchen, alle Aspekte des Schullebens dazu beitragen zu lassen, dass jede/r mit Gott und Seinem Ruf in Kontakt kommen kann. Wir wollen, dass unsere Lehrer/innen der Naturwissenschaften (science), der Geschichte, der Mathematik, ja, alle unsere Mitarbeiter/innen spüren, dass sie an einem einzigen Auftrag teilhaben. Hierbei ist es wichtig zu bemerken, dass die Mehrheit unserer Mitarbeiter/innen nicht Mitglieder der Manquehue Bewegung sind. Das heißt, dass die Mitarbeiter/innen nicht nur fachlich gut sein müssen, sondern dass sie auch für den Auftrag unserer Schule offen sein müssen, und nach Wegen suchen müssen, daran teilzuhaben. Das heißt auch, Offensein für Gott. Denn wenn wir davon sprechen, unsere Schulen evangelisieren zu wollen, dann meinen wir damit nicht nur, dass wir die Gute Nachricht unseren Schüler/innen bringen wollen, sondern allen, die in der ein oder anderen Weise mit uns arbeiten oder in Kontakt kommen.
Das akademische Lernen steht natürlich im Mittelpunkt, und wir haben viel Arbeit in eine gute Reputation in unserer Gegend gesteckt. Aber dennoch: Lernen ist nur ein, wenngleich wichtiger Teil eines pastoralen Planes, der dazu bestimmt ist, alle Bereiche unseres Schullebens zu umfangen. Wir sehen ein rigoroses akademisches Programm als einen weiteren Weg an, unsere Schüler/innen zu ermutigen, auf Gott zu hören und Ihm zu antworten. Ernsthafte und disziplinierte akademische Arbeit ist Teil dieser Suche nach der Wahrheit, nach Gott, der sich selbst offenbart in Seiner Schöpfung. Darüber hinaus müssen wir unsere Jungen und Mädchen mit den Fähigkeiten ausstatten, die sie brauchen, um ihre Berufung in der heutigen Welt zu leben. Täten wir dies nicht, liebten wir sie nicht. Diese Fähigkeiten zu erwerben erfordert sehr viel Studium. Zudem gibt es auch noch eine sehr praktische Seite: Ohne eine gesunde akademische Ausrichtung hätten wir keine Schüler/innen. Eltern halten nach akademischer Vortrefflichkeit Ausschau, und wir müssen sie bieten.
Allerdings ist es wichtig, Studien und akademischen Erfolg in dem weiteren Kontext unserer "Schule des Herrendienstes" zu sehen. Wenn der Herr unseren Schüler/innen viele Begabungen geschenkt hat, dann versuchen wir sicherzustellen, dass das Entwickeln dieser Begabungen kein Selbstzweck wird. Das Kapitel 57 "Über die Handwerker des Klosters" hat uns zu verstehen geholfen, wie das Gleichnis von den Talenten (vgl. Mt 25, 14-30) missverstanden wird, wenn es interpretiert wird, wir sollten unsere Befähigungen entwickeln ohne irgendeinen Bezug auf etwas Größeres. Außerdem versuchen wir unseren Schüler/innen zu vermitteln, dass unsere Grenzen und unser Versagen oft Lücken sind, durch die Gottes Gnade in unser Leben eintreten kann. Die erste und höchste Gabe ist Demut.
11. WORK CAMPS, MISSION UND PFADFINDER
Bevor ich zu meinem letzten und abschließenden Punkt komme, möchte ich Ihnen noch von einem Aspekt unserer Arbeit mit den jungen Menschen erzählen, der mich mit großer Zufriedenheit erfüllt, nämlich die verschiedenen Gemeinschaftsaktivitäten, die während der Sommer- und Winterferien stattfinden. Diese Aktivitäten dauern zwischen sieben und zehn Tagen und haben sich zu einer Schlüsselrolle in unserem Schulprogramm entwickelt. Jüngere Schüler/innen nehmen an Pfadfinderlagern teil, indem sie mit älteren Schüler/innen (senior students), Tutoren oder ehemaligen Schülern (old-boy), die Pfadfinderführer sind, wegfahren. Die älteren Jungen und Mädchen wählen zwischen work camps und Mission. Diese Aktivitäten werden von den Schüler/innen selber organisiert. In den work camps werden einige Formen von Wohlfahrtsdiensten in z.B. Seniorenheimen oder in unzureichend finanzierten ländlichen Schulen und Kapellen geleistet. Die Schüler/innen beteiligen sich an einfachen Bau- und Reparaturprojekten oder sie helfen beim Anstreichen oder Reinigen. Mission bedeutet, dass sie in ländliche Gegenden fahren, wo die Schüler/innen viele Stunden damit beschäftigt sind, zu zweit von Haus zu Haus zu gehen und Leute zu einem Augenblick des Gebetes und des Nachsinnens über das Wort Gottes einzuladen. Darüber hinaus organisieren sie abendliche Treffen in Kapellen vor Ort (oder an anderen sich anbietenden Versammlungsorten), um Gebetsgruppen ins Leben zu rufen und den Leuten das Teilen der lectio divina zu vermitteln.
Letzten Juli haben über 170 unserer Schüler/innen an work camps und Missionen teilgenommen, und 75 jüngere Kinder an Pfadfinderlagern.
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Die Jungen und Mädchen tun sich mit dem Rhythmus schwer, besonders wenn es sich um ihr erstes camp oder ihre erste Mission handelt. Dennoch erzählen sie am Ende der Woche ohne Ausnahme über eine Freude und Erfüllung, die sie in ihrem normalen Leben nur schwer finden. Und was wirklich bemerkenswert ist, ist die Tatsache, dass unsere Schüler/innen über die Zeitspanne einer Woche oder mehr freiwillig so viel von dem leben, wovon ich in meinem Referat bisher gesprochen habe. Sie haben die Gelegenheit, mit der Regel zu arbeiten, und schätzen viele ihrer Aspekte. Zum Beispiel sehen sie die Notwendigkeit ein, eine "Klausur" zu definieren, um die Gemeinschaft während der Zeit, die sie auf Mission oder im camp sind, zusammenzuhalten. Diese Klausur ist eine Klausur ohne Mauern und kann bei unterschiedlichen Leuten ganz unterschiedlich aussehen: ein Schlüsselkonzept im Leben unserer Erweiterten Benediktinischen Gemeinschaft. Die Schüler/innen arbeiten in Gemeinschaft, feiern das Stundengebet und praktizieren die lectio divina: Ora et Labora. Tutoría und geistliches Miteinander ergeben sich ganz natürlich. Die Stärke der Freundschaften, die entstehen, ist außergewöhnlich. Ja, es gibt kein besseres Mittel Freundschaften entstehen zu lassen und aufzubauen, als schwer miteinander an der Reparatur eines Daches zu arbeiten oder mit jemandem stundenlang zu marschieren nur um zu einem abgelegenen Haus zu kommen, um dort ein gutes Wort und das Wort Gottes zu teilen. Sie entdecken, dass sie mit Freundschaft einerseits und andererseits einem Sinn, der ihnen vorausliegt - wie zum Beispiel jemandem in Not helfen -, es leicht mit kalten Regenschauern, Müdigkeit, mangelhaftem Essen, extremer Hitze, harten Böden und allgemeiner Unbequemlichkeit aufnehmen können. Die Jungen und Mädchen lernen auch viele andere Dinge, wie die grundsätzliche Notwendigkeit, jemanden mit Leitung zu betrauen, denn die Erfahrung zeigt ihnen schnell, dass ohne Autorität Gemeinschaftsleben auseinander fällt und nichts erreicht wird. Wenn wir einen näheren Blick auf diesen Stundenplan werfen, der von den Schüler/innen selbst entworfen wurde, dann entdecken wir, wie sehr er einem monastischen Tagesablauf ähnelt. Vielleicht sind sie sich dessen nicht bewusst, aber sie erfahren im Lauf einer Woche oder mehr, wie Leben unter der Regel des hl. Benedikt aussehen kann. Ich möchte nicht naiv erscheinen. Ich weiß, dass die Erfahrung einer Woche sich sehr unterscheidet von einem ganzen Leben, das Tag für Tag in einer benediktinischen Gemeinschaft gelebt wird. Ich weiß um die Schwierigkeiten, ein Leben nach der Regel zu leben: die Routine, die Frustrationen, die Langeweile, die Zeiten der Trockenheit. Ich weiß aber auch um das Leben, das aus dem Evangelium kommt, und dass der Herr Seinen Geist ausgießt und Licht und Sinn gibt in den unmöglichsten Situationen und unerträglichsten Situationen.
Ich möchte hier gerne einen Zusatz machen. Es ist bemerkenswert zu sehen, wie der Einsatz und die Initiative unserer älteren Schüler/innen in Aktivitäten wie tutoría, Mission und Pfadfinderschaft sie dazu bringt, offen über Jesus Christus zu reden. Wir haben gesehen, wie dies etwas Wunderbares in unseren Jungen und Mädchen hervorbringt: einen tieferen und reiferen Glauben, einen Glauben, der frei gewählt ist, einen Glauben der Zustimmung, einen Glauben, der, wie ich glaube, eher weiterlebt und in der heutigen Gesellschaft leuchtet, als ein Glaube, den wir einfach nur via Tradition und Kultur übernehmen.
Benediktiner sind von Anfang an in der Erziehung tätig gewesen. Sowohl die Regel des hl. Benedikt als auch die Dialoge des hl. Gregor erwähnen Kinder, die Seite an Seite mit den Mönchen leben. Der hl. Benedikt selbst nennt das Kloster "eine Schule für den Herrendienst", einen Ort des Lernens, wie wir Gott dienen und Ihn lieben können. Die Kinder in diesen frühen Klöstern waren sicher in diesen Lernprozess eingeschlossen. Wir wollen heute, dass die Kinder unserer Schulen ebenfalls zu einer solchen Schule der Liebe gehören.
Der hl. Johannes Chrysostomus sagt einmal, dass wenn die Städte christlich wären, kein Bedarf für Klöster bestünde. Und der hl. Benedikt konfrontiert uns tatsächlich in seiner Regel mit einer sich entfaltenden christlichen Gesellschaft im Kleinen, die der der ersten Christen ähnlich ist. Es ist ein wunderbarer Gedanke, dass heute, an der Schwelle zum dritten Millennium und trotz all unserer Schwachheit, der Herr uns in der Regel des hl. Benedikt eine Möglichkeit bietet, unseren Glauben zu leben, so wie ihn diese ersten Christen gelebt haben.
Die Auswirkungen dieser Gedanken für unsere Schulen sind weitreichend. Denn wenn unsere Schulen nur darauf ausgerichtet sind, junge Menschen auf das Überleben in der Hetzjagd des Lebens, im Erwerben von Reichtümern, im Erreichen von Macht- und Einflusspositionen vorzubereiten, dann verschwenden wir unsere Zeit beim Gedanken, unsere Gemeinschaften seinen am besten geeignet für Erziehung. In diesem Fall werden unsere Schulen lediglich Hindernisse auf dem Weg, St. Benedikts Ideal zu leben: Fremdkörper innerhalb des Klosters.
Wenn wir jedoch unsere Schulen als Orte der Evangelisation sehen, als Orte, an denen wir unsere Schüler/innen lehren, auf diesen Gott, der spricht, zu hören, als Orte, an denen wir sie dazu bringen, den auferstandenen Herrn in das Zentrum ihres Lebens zu stellen, dann ist es schwierig, sich ein geeigneteres Gebilde für die Erziehung von jungen Menschen vorzustellen als eine benediktinische Gemeinschaft. Denn eine Gemeinschaft, die die Regel befolgt, ist nichts anderes als eine alternative Gesellschaft, in der Jesus Christus der Brennpunkt allen Tuns ist. Und wenn wir die Worte Papst Johannes Pauls in Subiaco 1980 in Erinnerung rufen, als er sich auf eine Vision von Gemeinschaft bezog, wie sie im 72. Kapitel beschrieben ist, als "eines Ideals, nach dem sich die Gesellschaft als Ganzes ausstrecken sollte", dann können wir hoffen, dass unsere Schüler/innen, die unsere Schulen verlassen, dieses Ideal in die Welt tragen, und dort als Sauerteig im Teig wirken, indem sie die Gesellschaft durchsäuern.
Unsere Schüler/innen in Chile verbringen insgesamt 14 Jahre in unseren Schulen. Während dieser Zeit erwarten wir von ihnen, ihr Leben in einer Gemeinschaft zu leben, die ihnen eine Erfahrung ähnlich einem Kloster vermittelt, welches in sich eine alternative Gesellschaft ist. Wir erwarten nicht, dass alle unsere Schüler/innen Mitglieder der Manquehue Bewegung werden, so wie niemand von Ihnen erwartet, dass alle Ihre Schüler Mönche werden. Wir glauben jedoch, dass diese Erfahrung ihnen eine klare christliche und kirchliche Identität verleiht. Diese Erfahrung trennt sie nicht von der Gesellschaft, in der sie leben. Im Gegenteil: sie erlaubt ihnen, sich respektvoll mit dieser Gesellschaft in Verbindung zu bringen ohne diese Identität zu verlieren, die sie ihrerseits zu dieser Gesellschaft mit Liebe beitragen können.
Ich danke Gott, dass Er uns alle mit einer Aufgabe wie der Erziehung betraut hat. Erziehung erlaubt uns nicht nur, "wie unsere Väter und die Apostel" von der Arbeit unserer eigenen Hände zu leben (RB 48,8), sie schenkt uns auch die Möglichkeit, an einer Gesellschaft mitzubauen, die stärker im Einklang mit dem Evangelium steht. Und wenn dies nicht genug sein sollte, so bin ich zudem der Überzeugung, dass die Anforderungen, die Erziehung an uns stellt, uns darin bestärken, unseren eigenen Ruf auf den Weg des hl. Benedikt zu vertiefen, indem wir uns auf das Wesentliche konzentrieren und auf das Absolute ausrichten.
Es mag von Interesse sein, wenn ich den typischen Stundenplan eines work camps vorstelle. Die Missionen haben ein leicht unterschiedliches Programm, aber die grundlegende Erfahrung und der Rhythmus des Gemeinschaftslebens sind dieselben.
07.30 Lesehore (freiwillig)
08.00 Laudes
08.30 Frühstück
09.00 Arbeit
13.00 Mittagshore
13.30 Mittagsruhe
15.30 Arbeit
17.30 Schriftlesung zu zweit
18.30 Vesper
19.00 Gespräch oder Gruppenarbeit
20.00 Abendessen
21.00 Recreation
23.00 Komplet