
Wenn ich Ihr Programm recht verstanden habe, so erwarten Sie von mir einen kurzen Überblick über die Situation der Benediktiner auf diesem Globus. Ich möchte kurz eine Statistik bringen, dabei auch die Benediktinerinnen berücksichtigen, einige Entwicklungen aufzeigen und etwas zur Diskussion innerhalb des Benediktinerordens beitragen.
1. Statistisches
Weltweit gibt es heute etwa 8 500 Benediktiner und 16 500 Benediktinerinnen. Die männlichen Benediktinerklöster sind in 21 Kongregationen zusammengefasst, die miteinander die Benediktinerkonföderation bilden (über die Benediktinerinnen werde ich in einem eigenen Paragraphen sprechen). Da die Zahl der Mönche in Europa und Amerika derzeit rückläufig ist, sind nur die Kongregationen im Wachsen, die international verbreitet sind. An erster Stelle steht die Sublazenser Kongregation mit 1273 Mitgliedern, gefolgt von der Ottilianer mit 1107. Regionale Kongregationen sind beispielsweise die Cassinesische, Österreichische und Bayerische. Die Niederländische Kongregation zählt vergleichsweise nur 66 Mitglieder, weniger also als so manche Einzel-Klöster mit bis zu 200 Mitgliedern.
Unter Abtprimas Rembert Weakland gab es eine Bestrebung, die Klöster jeweils regional zu einer Kongregation zusammenzufassen. Diese Entwicklung hat sich nicht als fruchtbar erwiesen. Die Klöster beschäftigen sich dann nur mehr mit der Situation in ihrer Region; es fehlt an Anregungen und Herausforderungen von außen. Die Internationalität einer Kongregation ist nicht immer leicht zu bewältigen, schenkt aber doch eine kulturelle Vielfalt, schafft Probleme, relativiert aber auch viele.
Dafür gibt es heute eine Menge regionaler Konferenzen, die sich gerade deshalb so fruchtbar herausstellen, weil die Mönche von verschiedenen Kongregationen stammen und nicht selten auch die Benediktinerinnen der Region daran beteiligt sind. Manche Konferenzen werden gemeinsam mit den Zisterziensern und Trappisten abgehalten. Es hängt u. a. auch von der Zahl der Klöster einer Region ab. Solche Konferenzen finden in verschiedenen Rhythmen statt, von einem bis zu vier Jahren. Meistens stehen sie unter einem besonderen Thema, besprechen aber auch gemeinsame Veranstaltungen für Novizen, zeitliche und ewige Professen. Diese Konferenzen haben den gegenseitigen Austausch gefördert, das Interesse füreinander geweckt und die gegenseitige Achtung vermehrt; man wurde sich des gemeinsamen benediktinischen Erbes bewusst, die Gemeinsamkeiten überwiegen die gegenseitigen Abgrenzungen von früher. Wir erleben die Einheit untereinander bei gleichzeitiger Achtung der vielfältigen Traditionen, die als Bereicherung erfahren werden.
Um nur einige Beispiele zu nennen: Ich werde nach dieser Konferenz nach Santiago de Chile fliegen, zu dem vierjährigen Treffen der Oberen und Oberinnen sämtlicher Klöster der Benediktiner, Zisterzienser und Trappisten. Wir haben im Norden dieses Halbkontinents die ABECA. Die Amerikaner und Amerikanerinnen treffen sich jährlich, genauso wie die deutschsprachigen Obern und neuerdings auch die Italiener. Kürzlich wohnte ich einem Treffen der flämischen Obern bei. Frankreich kennt eine Konferenz der monastischen Obern, die sich jährlich trifft, während die BenediktinerInnen der Iberischen Halbinsel sich alle drei Jahre zusammenfinden. Sehr rührig ist die Indian-Sri Lankan Benedictine Federation, die jährlich zusammenkommt. Alle zwei Jahre treffen sich die Obern und Oberinnen der Klöster von Fernost und Australien, die BEAP. Jährlich findet sich die BECOSA, die Benedictine Conference of South Africa zusammen. Ich hatte mehrfach Gelegenheit, an solchen regionalen und überregionalen Begegnungen teilzunehmen, und habe insofern ein reges Leben und eine große Aufmerksamkeit festgestellt. Auch wenn die Benediktiner nicht zentralisiert sind, oder vielleicht gerade deshalb, tut sich sehr viel an der Basis.
Der vierjährige Äbtekongress führt dann die höheren Obern aller Klöster zusammen, während sich die Abtpräsides jährlich zur Präsidessynode zusammenfinden, so dass ein wirklicher internationaler Austausch möglich wird. Diese Begegnung wird vor allem verstärkt durch das Kolleg und die Hochschule in S. Anselmo. In den vergangenen hundert Jahren hat sich gezeigt, dass gerade durch dieses Zentrum die Einheit gefördert wird. Nicht zuletzt sind viele Studenten später zu Äbten gewählt worden und haben sich weiterhin ein großes Interesse für einander bewahrt.
2. Die Benediktinerinnen
Besonders hervorheben möchte ich auch die Benediktinerinnen. Sie sind zahlenmäßig fast doppelt so stark wie die Benediktiner. Eine Ursache dafür mag darin liegen, dass Frauen stärker religiös ansprechbar sind als Männer, aber auch in dem simplen Faktum, dass es Nonnen und Schwestern gibt. Während die Schwestern z. T. in Föderationen und Kongregationen Päpstlichen Rechts vereinigt sind, haben wir bei den Nonnen eine große Vielfalt. Abgesehen davon, dass die Nonnenklöster bislang jeweils einem Ortsbischof unterstellt sind, sind etliche in männlichen Kongregationen integriert, mit unterschiedlicher Bindung. In Kongregationen wie Cono Sur, der Annuntiatio und der Beuroner Kongregation haben sie weitgehend gleiche Rechte wie die Männer. Die Italienerinnen sind in Föderationen verbunden, die allerdings keine großen Rechte haben.
Insgesamt sind die Benediktinerinnen über diese Kongregationen oder direkt mit der Konföderation konsoziiert, so dass der Abtprimas auch für sie zuständig ist. Ich habe diese Situation für anachronistisch gehalten und hatte vor, die Benediktinerinnen zu bewegen, eine ähnliche Organisation wie die Konföderation zu bilden. Die heterogene Situation lässt das aber nicht zu. Außerdem wollen viele Klöster ihre bestehenden Bindungen zu Männerklöstern und Kongregationen nicht aufgeben.
Immerhin ist es nun doch gelungen, sie geistlich untereinander zu einen. Sie haben sich den Namen "Communio Internationalis Benedictinarum" gegeben. Damit soll mehr das geistliche Band zum Ausdruck kommen. "Unio" wäre ein eher rechtlicher Begriff. Es gibt 19 Regionen, die jährlich ihre Vertreterinnen zu einer Konferenz entsenden, die wiederum einen Exekutiv-Ausschuss hat. Zur Moderatorin der CIB wurde Äbtissin Máire Hickey aus Dinklage/Deutschland gewählt. In gewissen Abständen veranstalten die Benediktinerinnen ein Symposium zu einer bestimmten Frage. Im Jahr 2000 berieten sie über die Klausur, vergangenen September stand bei dem Symposium in S. Anselmo Kap. 72 der RB im Vordergrund, das Kapitel über den guten Eifer. Erstmals hatten dabei die Regionen auch jeweils eine junge Schwester entsandt. Erstaunt habe ich festgestellt, welche Identität und Einheit bereits ein gemeinsamer Name stiften kann.
3. Benediktinische Organisationen
Zu Beginn der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde eine erste gemeinsame benediktinische Organisation gegründet, die im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung zugenommen hat: die AIM. Ihr Ziel war es, die Einpflanzung benediktinischen Lebens in Afrika, Asien und Latein-Amerika zu unterstützen. Denn die Neugründungen hingen jeweils von einzelnen Klöstern ab und wurden von ihnen getragen. Sie konnten sich nicht, wie bei den Ottilianern, auf eine ganze Kongregation stützen. Ein besonderes Kennzeichen ist, dass in der AIM Benediktiner, Zisterzienser und Trappisten zusammenarbeiten.
Die AIM hat ihr Augenmerk vermehrt auf die Ausbildung gelegt, zu diesem Zweck Professoren in verschiedene Klöster geschickt und regionale Treffen organisiert, die immer auch sich mit Ausbildungsfragen befasst haben. Dabei hat sich immer deutlicher herausgestellt, dass wir ein großes Defizit an Ausbildern haben, für die Noviziate und die Weiterbildung. Das hat dazu geführt, dass dieses Jahr zum ersten Mal in Rom ein dreimonatiger Kurs für 30 AusbilderInnen stattgefunden hat. Die Erfahrungen waren überaus positiv, so dass dieses Angebot in den kommenden Jahren fortgeführt wird.
In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass ab nächsten Mai wieder Recyclage-Kurse in S. Anselmo angeboten werden.
Aus der AIM hat sich eine neue Organisation herausgebildet. Von Anfang an hat sich die AIM immer auch dem Phänomen der Multi-Religiosität gestellt und sich um den Interreligiösen Dialog bemüht. Der Durchbruch kam 1979 zustande, als die ersten Zen-Mönche aus Japan Benediktinerklöster besuchten. Der Interreligiöse Dialog hat inzwischen eine solche Dimension angenommen, dass sich eine eigene Organisation, der DIM, aus der AIM herausgelöst hat, mit regionalen und überregionalen Gruppierungen.
In den USA gibt es dieselben beiden Organisationen, die mit den europäischen verbunden sind.
1996 wurde auf dem Äbtekongress beschlossen, eine Benediktinische Kommission für China zu bilden. Auf Drängen der American-Cassinese-Congregation habe ich selber den Antrag eingebracht, weil ich seit 1985 viele Kontakte zur Kirche in der Volksrepublik China geknüpft habe. Das große Land China mit einem Sechstel der Weltbevölkerung wird in diesem Jahrhundert zu einer Weltmacht heranwachsen. So schien es angebracht, dass auch wir Benediktiner mehr Kontakte aufnehmen, nicht zuletzt, um benediktinisches Leben dort entstehen zu lassen, wenn die Umstände es erlauben.
Eine Organisation fehlt mir aber noch, nämlich eine Kommission o. ä. die sich mit dem Ökumenischen Dialog befasst. Es gibt zwar Klöster mit besonderen Beziehungen zur Orthodoxie oder zu den Anglikanern. Es fehlt aber eine Organisation, die diese Arbeit fördern würde. Dabei war das der Wunsch Papst Leos XIII schon bei der Gründung der Konföderation und von S. Anselmo. Die Öffnung des Ostens seit 1989 würde uns ganz andere Möglichkeiten zur Orthodoxie schaffen; doch fehlt es uns an den nötigen Kräften. Ich könnte mir vorstellen, dass Mönche für die Orthodoxie vertrauenswürdige Partner sein und die gegenwärtigen Auseinandersetzungen entschärfen könnten.
4. Geschichtlicher Rückblick
Gestatten Sie mir einen kurzen Rückblick darauf, wie die Situation der Benediktiner heute gewachsen ist, gerade weil die Schule darin eine große Rolle spielen.
Die Benediktiner und andere Mönche haben beim kulturellen und auch wirtschaftlichen Aufbau des Abendlandes eine entscheidende Rolle gespielt. In ihren Schulen haben sie die griechisch-römische Tradition mit christlichem Glauben verschmolzen und die kulturellen Grundlagen gelegt in einer Zeit größter Unruhen. Einige Klöster z. B. in der Schweiz gehen noch bis in diese Zeit zurück und haben die Schultradition bewahrt. Darauf konnten auch die englischen Klöster zurückgreifen, als sie wieder neu entstanden.
Vor über 400 Jahren waren Benediktiner aus Portugal die ersten, die außerhalb Europas Kommunitäten gründeten, zwar nicht, um in Brasilien zu missionieren oder die einheimische Bevölkerung auszubilden, sondern um Schule für die Einwanderer zu gründen. Wir erfahren sicher einiges darüber in diesen Tagen.
Als im 19. Jh. die spanischen Klöster geschlossen wurden und nur mehr solche mit Schulen weiter existieren konnten, zogen die ersten Spanier nach Australien und später von dort auf die Philippinen, wo ihnen letztlich die Schulen in Manila das Überleben erlaubten.
Zu dieser Zeit zogen Benediktiner aus Bayern nach Nordamerika, um dort Klöster im alten Stil zu gründen, d.h. mit Schulen, Seminarien und Farmen. Sie wollten in erster Linie für die Emigranten stabile, geistliche Zentren aufbauen, nach dem Muster der mittelalterlichen Abteien. Schweizer Benediktiner aus Einsiedeln und Engelberg rückten nach, allerdings auch aus dem Grund, um Ausweichklöster zu haben, falls sie in der Schweiz unterdrückt würden. Auch diese nahmen ihre Schultradition mit. P. Bonifaz Wimmer konnte zudem die Eichstätter Benediktinerinnen für Gründungen in Nordamerika zu gewinnen. Die Erziehungsarbeit der BenediktinerInnen hat für die Katholische Kirche in den USA eine große Bedeutung bis zum heutigen Tag. Heute sind es vor allem Seminarien und Hochschulen.
Ebenfalls auf das Mittelalter griff P. Andreas Amrhein, der Gründer von St. Ottilien und der gleichnamigen Kongregation zurück. Er wollte an der missionarischen Tradition der Mönche anknüpfen. So entstanden die Missionen in Afrika und Asien, später auch in Venezuela und Kolumbien. Immer stand eine Abtei im Mittelpunkt des Wirkens, meistens in Zusammenarbeit mit Benediktinerinnen, mit Schulen, Lehrwerkstätten und Krankenhäusern.
Schon vor den Ottilianern sind die Sylvestriner nach Sri Lanka gegangen, und haben ort ebenfalls durch Pfarreien und Schulen gewirkt, später auch in Indien.
In Österreich konnten die Benediktinerklöster mit Schulen und Pfarreien die Zeit des Josephinismus überstehen, so wie die Benediktiner von Pannonhalma die Zeit des Kommunismus. Die Bayerischen Benediktiner wurden im 19. Jh. von Ludwig I. wieder errichtet, nachdem durch die Säkularisation das ganze Schulsystem zusammengebrochen war.
Bei der Renaissance des Mönchtums im 19. Jh. kam allerdings auch eine andere Strömung auf. Das Kloster Solesmes und seine Gründungen legte verstärkt den Akzent auf die kontemplative Seite des Mönchtums, gefolgt von Beuron und den von dort entstandenen Klöstern. P. Muard hat in La Pierre-qui-Vire eine mit St. Ottilien vergleichbare Gründung vorgenommen. Doch haben auch dieses Kloster und seine Gründungen in Vietnam eine stärkere kontemplative Richtung eingeschlagen und die Schule längst geschlossen. Vielleicht hängt das auch mit der französischen Mentalität zusammen.
Jedenfalls spiegeln die benediktinischen Gründungen in Amerika, Afrika und Asien sehr stark den geistlichen Ursprung wider. Ich sehe in dieser Vielfalt einen enormen Reichtum.
5. Ausblick
Heute können wir innerhalb des Benediktinerordens, soweit ich sehe, folgende gemeinsame Trends feststellen:
a) eine verstärkte Ausrichtung an der Regel Benedikts; überall wird die Regel Benedikts neu studiert und neu geschätzt;
b) eine Erneuerung der Liturgie; in den vergangenen Jahrzehnten wurde überall das monastische Stundengebet in die Landessprache übersetzt, neu komponiert und neu gestaltet; ich meine, dass wir die Früchte dieses Bemühens erst in unserer Zeit ernten werden; Psalmen und Lesungen werden damit wieder zur Grundlage des geistlichen Lebens der BenediktinerInnen.
c) eine neue Hochschätzung der sog. Lectio Divina, des Wiederkäuens biblischer Texte; sie wird uns in unserem Denken und Handeln immer mehr prägen und uns zu einem einfachen Mönchtum führen.
Es wird eine Spannung bleiben zwischen einer stärker kontemplativen Ausrichtung und mehr aktiven Gemeinschaften. Zum einen können und müssen die Klöster eingegangene Verpflichtungen wahrnehmen, ihrer Tradition treu bleiben. Zum andern bindet gerade eine Schule ähnlich wie die Landwirtschaft viele Mitbrüder an ein und denselben Ort. Zum andern halte ich es für richtig und berechtigt, wenn sich Klöster den Herausforderungen ihrer Umgebung stellen und einen evangelisatorischen Beitrag zum Leben der Kirche beitragen. Woanders können jungen Menschen christliche Werte besser vermittelt werden als in Klöstern? Benediktinerklöster sind nicht zweckorientiert, denken nicht strategisch, sondern leben schlicht christliche Gemeinschaft auf der Basis des Evangeliums. Darin sehe ich heute eine große Chance. Ferner liegt gerade die Erziehung als mögliches Betätigungsfeld auf der Hand: Die RB spricht vom Kloster als einer Schule des Herrendienstes. Sie kennt die Pueri oblati, die im Kloster aufwachsen. Römische Patrizier haben Benedikt ihre Kinder zur Ausbildung gebracht. Die Erziehung Jugendlicher gehört mit zum Ureigensten des benediktinischen Lebens. Es wäre sehr bedauerlich, wenn heutige Mönche, aus Scheu vor den Lasten des schulischen Alltags sich nur auf sog. Kontemplation zurückziehen würden. Erziehung anderer ist eine hohe christlich-aszetische Anforderung an uns Benediktiner selbst.
So wünsche ich der 2. Internationalen Konferenz über benediktinische Erziehung einen fruchtbaren Verlauf, viele gute Anregungen und den Mut, erneut sich dieser Aufgabe zu stellen und dazu Ja zu sagen. Wir schenken der Kirche und den jungen Menschen das Beste, was wir haben, und werden selbst dadurch bereichert.
Rom, 27.10.02
Abtprimas Notker Wolf OSB