Globalisierung und Erziehung: Eine Benediktinische Antwort
1. November 2005
Mary Collins, OSB
(übersetzt von P. Benedikt Michels OCist)
Drei Themen liegen in dieser Stunde vor uns: Globalisierung, Erziehung, und eine benediktinische Antwort. Wie könnten wir einem von ihnen Genüge leisten, oder sie gar alle drei unter einen Hut bringen! Ich habe die Aufgabe diese wichtigen Themen zu verbinden deshalb angenommen, weil ich finde, dass es keine größere Herausforderung gibt, als einer neuen Frage nachzugehen. Ich kann nicht mehr als einen ersten Versuch anbieten, der einen Beitrag zu dem Gespräch leisten soll, das Sie bereits auf den zwei früheren Treffen der Internationalen Kommission zur Benediktinischen Erziehung begonnen haben. Vielleicht kann dieser Versuch weitere neue Fragen für uns eröffnen.
Globalisierung: Das Phänomen, auf das wir als Erzieher anworten müssen
Benediktinisch oder zisterziensisch leben bedeutet lokal zu leben; wir alle haben uns an unseren Ort gebunden. Aber das Faktum, dass wir als benediktinische und zisterziensische Erzieher/innen an dem hiesigen Ort zusammengekommen sind, wir alle, die wir unserem je eigenen Ort verpflichtet sind, zeigt den Zugzwang, den die Globalisierung auf uns alle ausübt. Ein Kommentar hat die These aufgestellt, dass es sicherlich schon viele Versuche gegeben hat Globalisierung zu beschreiben und zu definieren. Der entscheidende Ansatz sei aber wohl zu beobachten, wie die Bedeutung von territorialer Verortung immer mehr abnimmt. Oder mit seinen eigenen Worten: “Die Anzahl sozialer Verbindungen, die in signifikanter Weise losglöst – getrennt – sind vom gemeinsamen Ort ist ungeheuer angewachsen.”
Von all unseren unterschiedlichen Orten auf dem Planeten Erde werden wir in eine weltweit sich entfaltende Entwicklung hineingezogen, die wir nicht kontrollieren können. Wir benediktinischen Erzieher/innen sind mit Sicherheit nicht verantwortlich für die derzeitigen globalen Veränderungen, die den Wert des Ortes so stark schwinden lassen. Aber ebensowenig können wir die Globalisierung samt ihren Auswirkungen auf unseren Ort und unsere Völker ignorieren. Ein anderer Kommentar hat festgestellt, wir sollten auf der Hut sein vor “der geschäftlichen Übernahme der Bildung” und dem Phänomen des “branding” (Etikettierung). Wir hören schon von Eltern, die das, was wir in der Schule tun, als wirtschaftliche Unternehmung ansehen. Sie sagen, dass sie “ein Produkt von uns kaufen”. Sie kaufen eine Erziehung für ihre Kinder, so wie sie ein Auto kaufen, und möchten deshalb ihre Optionen treffen. Wo die Bildung als ein weiteres Marktprodukt angesehen wird, da gibt es außerdem das Phänomen des branding unserer Schulen – gesponsert von Nike oder Toyota, Coca-Cola oder Pepsi. (Wie jedes menschliche Unternehmen kann Globalisierung sich zu gleicher Zeit konstruktiv und destruktiv für das Gesamt der Menschengemeinschaft und für jede einzelne Gemeinschaft auswirken – und zwar konstruktiv oder destruktiv in verschiedener Hinsicht. Aber vielleicht, nur vielleicht, können ja wir, die wir uns einem gemeinschaftlichen Unternehmen verpflichtet sehen – nämlich der Erziehung der Jugend von unserem traditionell ortsgebundenen monastischen Blickwinkel her –, können wir miteinander den kommenden Generationen, unseren Schüler/innen, helfen, die sich globalisierende Welt zu einer Bewahrung der Sorge für das Lokale, für die menschliche Person und für das Gemeinwohl zu führen.)
Die Fangarme der Globalisierung reichen in viele verschiedene Richtungen gleichzeitig. (Denken Sie, wenn Sie so wollen, an einen Tintenfisch, oder denken Sie an das vielgliedrige mechanische Monster in dem Film Spiderman Two, wenn Sie nach einem Bild suchen für das Phänomen, mit dem wir konfrontiert sind.) Ich kann hier nicht mehr tun, als einige der weitreichenden Eingriffe der Globalisierung in unser Leben zu benennen und ihre neuen Handlungsanweisungen an uns als Erzieher/innen. Ich will dies auch nur tun, insoweit es Grundlage für das schafft, was ich als den Brennpunkt dieser Präsentation ansehe: Eine Benediktinische Antwort.
- Wo auch immer unsere benediktinischen und zisterziensischen Schulen beheimatet sein mögen – in Delbarton, Brasilien oder Japan –, so sind wir bereits involviert in die neue Welt des globalen Marktes und des freien Handels, der Arbeit und der Ökonomien. Die Jugendlichen, die wir heute erziehen, müssen in die Lage versetzt werden auf die sich verändernden globalen Ökonomien zu reagieren und sich darin zu engagieren – ob uns das nun gefällt oder nicht. Diese Notwendigkeit, unsere Schüler/innen darauf vorzubereiten mit der neuen Wirtschaftsformen zurechtzukommen, stellt Ansprüche an unsere Curricula und stellt uns vor neue Herausforderungen im Verständnis unserer Sendung.
- Wo auch immer wir angesiedelt sind – in Korea oder Australien oder auf den Philippinen –, wir kommen nicht umhin uns mit globaler Technologie und ihren Auswirkungen auf das Erzeugen von Wissen, Gütern und Dienstleistungen und Kommunikation auseinanderzusetzen. Wenn wir allerdings unserer benediktinischen Identität treu bleiben wollen, dann kann es nicht genug sein, wenn unsere Schüler/innen lernen, wie sie diese Technologie anwenden können, wenn sie sich mit dem Computer auskennen. Da die Technologieentwicklung nicht wertfrei ist, brauchen unsere Abiturient/innen kritische Fähigkeiten, um gesunde Urteile treffen zu können über den Wert von Kenntnissen, Gütern und Dienstleistungen, die erzeugt und verbreitet werden. Unsere Schulen müssen selber kritische Technologienutzer werden, wenn wir unsere Schüler/innen auf das “neue Wissen”, das verbreitet wird, vorbereiten wollen.
- Wo auch immer wir angesiedelt sind – in Ealing oder Glenstal oder Mexico City –, die Jugendlichen, um die es uns geht, müssen für das Ökosystem der Erde sensibilisiert werden – und zwar was den Gebrauch, die Kontrolle, die Bewahrung und die Erhaltung der Erdressourcen angeht. Die nächsten Generationen werden mit Sicherheit nicht nur mit Fragen bezüglich der Bewahrung der Erde konfrontiert sein, sondern viel weitgreifender auch mit Fragen bezüglich unseres Verhältnisses zu unserer Galaxie bzw. des ganzen Kosmos, über die wir Menschen in immer schnellerem Tempo neue Sachverhalte lernen und alte Sachverhalte neu lernen müssen. Wir Benediktinerinnen von Mount St. Scholastica in Atchison waren letztes Jahr überglücklich und stolz, als eine unserer früheren Schülerinnen aus Kenia, Wangari Matthai, den Friedensnobelpreis 2004 für ihre Gründung der Grüngürtelbewegung in Afrika erhielt, einer Bewegung, die den Frauen überall in ihrem Land die ökonomische, soziale und politische Bedeutung einer so simplen Tat wie dem Pflanzen von Bäumen verständlich macht. Wir müssen genauso stolz darauf sein können neue Generationen von jungen Menschen zu erziehen, die sich bewusst sind, was es bedeutet weise in einem sich immer mehr entfaltenden Universum zu leben. Die traditionelle benediktinische Sorge und das Engagement für den locus muss ausgeweitet werden zu einer Sorge, die den lokalen Planeten und die lokale Galaxie und unser Verhältnis zum Kosmos einschließt.
- Wo auch immer wir angesiedelt sind – in Ungarn, in Deutschland, in den Vereinigten Staaten oder in Kenia –, unsere einfachsten menschlichen Interaktionen müssen inzwischen mit dem Einfluss der Globalisierung zu Rande kommen. Die Globalisierung zeigt Auswirkungen auf politische Weltanschauungen und politische Systeme. Die Globalisierung zeigt Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter zueinander, auf das Selbstverständnis der Geschlechter und auf das Verständnis von Ehe. Die Globalisierung macht sich in rassischen und ethnischen Zusammenhängen bemerkbar, im Bereich des kulturellen Schaffens in Musik, der bildnerischen Kunst, der Theaterkunst, Sprache, Literatur und des Kino. Die Globalisierung beeinflusst inzwischen die nationale und internationale Schul- und Hochschulpolitik und die Lehrpläne. Von Bildung wird immer häufiger als von aufkommender globaler “Industrie” gesprochen, in der der Aspekt des Profitmachens die Übermittlung traditionellen Wissens und von Weisheit übertrumpft.
- Wo auch immer wir angesiedelt sind, wir erfahren uns in nie dagewesenener Weise konfrontiert mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Ausdrucksformen von Glauben, religiösen Glaubenssystemen und religiösen Erwartungen – wie auch säkularen Interpretationen der Realität. Auch hier erfordert das Phänomen der Globalisierung, dass wir die jungen Leute darauf vorbereiten, dass sie sich selber kennen. Es wird hart genug für sie werden eine personale Identität zu entwickeln, die in lokalen Beziehungen verwurzelt ist, während sie zugleich in einer globalisierenden Welt leben. Wir müssen also unsere Schüler/innen darauf vorbereiten offen für “das Andere” zu sein. Dies stellt keine kleine Herausforderung dar, aber es ist einer der vielen Aspekte einer sich verändernden Realität, vor die uns die Globalisierung gestellt hat.
Das westliche Mönchtum ist durch die Jahrhunderte hindurch durch viele Veränderungen in der herrschenden sozialen Ordnung hindurchgegangen, hat an ihnen mitgewirkt, auf sie reagiert und ist durch sie geformt worden. Neu in unserer Zeit ist, dass die verändernden Kräfte global sind, ja sogar kosmisch in ihren Ausmaßen und beinahe gleichzeitig in ihrer Unmittelbarkeit.
Die Agenda der Globalisierung
Einige von Ihnen sind Leiter/innen von Schulen, die sich schon in “internationale Schulen” transformiert haben. An Ihren Schulen sind Schüler/innen aus vielen Nationen, oder Ihre Schulen haben ein Curriculum, das die Weisheit verschiedener Kulturen aufeinander abgestimmt hat. Aber solch “internationale Schulen” sind nicht automatisch eingestimmt auf die Herausforderungen, die sich mit der Globalisierung stellen. Selbst das International Baccalaureate Curriculum stellt sich nicht frontal den Herausforderungen des Tintenfischs (bzw. des mechanischen Monsters), der sich Globalisierung nennt.
Um es einfach auszudrücken: Die Globalisierung drückt dem Leben und Lernen unserer Schüler/innen und unseren Fakultäten auf allen fünf Kontinenten ihre eigenen Agenden auf. Diese Agenden wirken sich auf das traditionelle Bildungswesen, in dem sich unsere monastischen Gemeinschaften und vom Kloster getragenen Schulen engagieren, aus. Und von daher müssen Sie als Schulleiter/innen sich zum Wohle der gegenwärtigen und der folgenden Schüler/innengernerationen auf eine angemessene Antwort vorbereiten.
Die Globalisierung kennt viele Herausforderungen. Ich werde nur drei beim Namen nennen. Die erste und hauptsächliche Herausforderung betrifft die Natur und das Ziel der Globalisierung selbst. Dies wiederum ruft weitere Fragen auf: Wer genau soll erzogen werden? Mit wem können wir zusammenarbeiten in unseren Versuchen junge Menschen in einer sich globalisierenden Welt zu erziehen? Und wer profitiert von dieser erzieherischen Unternehmung? Ich hatte kürzlich ein Gespräch in unserem Klosterrefektorium mit einem Gast, der als unabhängiger Bildungsunternehmer arbeitet, als Unternehmer einer aufkommenden “Bildungsindustrie”. Er erzählte mir, dass er für sein momentanes Projekt von der U.S. Regierung beauftragt wurde und auch von ihr bezahlt wird. Er sei damit beschäftigt “neue Madrasa” in armen ländlichen Gemeinwesen Pakistans zu entwerfen. Der Lehrplan, den er entworfen habe, ziele auf eine größere Westausrichtung als auf traditionelle muslimische Madrasa. Ich fragte ihn, wem er sich für seine Arbeit verantwortlich zeige. Seine lankonische Antwort: “Mir selbst” – mit gelegentlichen Berichten an das Finanzkomitee des U.S. Congress. Ich habe mich gefragt, ob “die Armen”, denen er “hilft” sich wohl der Beweggründe und der Antriebskraft seiner Großzügigkeit bewusst sind.
Wir, die wir Schulen betreiben, können ebenfalls anfällig sein für die Pläne derer, die mit uns als Wohltäter zusammenarbeiten wollen, im Besonderen als korporative Spender. Wer entwirft dann den Lehrplan? Und wie wird der neue Lehrplan unsere Tätigkeit als Benediktinische Erzieher beeinflussen? Wen laden wir monastischen Gemeinschaften ein uns in unserer erzieherischen Aufgabe zu unterstützen, in einer Zeit, in der die Zahl der Mönche, Schwestern und Brüder in unseren Schulen sinkt? Haben wir eine klare Vorstellung von dem Auftrag einer Benediktinischen Bildung? Oder sind wir anfällig für die scheinbar harmlose Übernahme durch Menschen, deren Vorstellungen auf einem Wertesystem basieren, das wir nicht teilen? Wer ist eine qualifizierte/gebildete Persönlichkeit in dieser Ära der Globalisierung?
Eine zweite Herausforderung, vor die das sich fortentwickelnde Programm der Globalisierung alle Erzieher stellt, ist die Alphabetisierung bezüglich des Computers, ein Thema, das ich am Anfang schon erwähnt habe, und das ich jetzt erneut aufgreife. Diese notwendige, neue Alphabetisierung erfordert die Entwicklung ganz neuer Fähigkeiten, die für ein Leben in einer globalen Welt unerlässlich sind. Aber was genau wissen die jungen Leute eigentlich über Computertechnologie und darüber, warum sie dieses Wissen brauchen? Nur wenige Erzieher haben bisher über die Notwendigkeit nachgedacht und geschrieben, wie man kritische Fertigkeiten in jungen Leuten wecken kann, anhand deren sie die sozialen Auswirkungen der Technologie in der derzeitigen Globalisierungsära beurteilen können. Eine von diesen wenigen ist Sherry Turkle von MIT (Massachusetts Institute of Technology). Sie bemerkt, dass die frühen Generationen von Computernutzern sich mit der binären Programmierung eines Computers auskannten, dass sie die Voraussetzungen und die Schwächen dieses Systems kannten. Sie waren selber in der Lage zu programmieren, und konnten sich von daher in das, was im Computer vor sich geht, “hineinversetzen”. Während nun die Zahl der Computernutzer exponentiell angewachsen ist, ist die große Mehrheit der heutigen Computernutzer nur in der Lage, als Verbraucher mit vorgefertigten Software-Programmen zu arbeiten. Sie empfiehlt daher, dass Schüler/innen dieselben Fähigkeiten der Beherrschung von Computerprodukten entwickeln sollten, die wir von ihnen bezüglich geschriebener Texte verlangen. Ihr Aufruf hat meine Aufmerksamkeit erregt, vielleicht wegen der Benediktinischen Verpflichtung, uns mit Texten im Rahmen der täglichen lectio auseinanderzusetzen. Um sie zu zitieren:
“Wir nähern uns geschriebenen Texten mit jahrhundertealten Lesegewohnheiten. Schon ein Beginner weiß die Fragen aus der journalistischen Tradition zu stellen: Wer, was, wann, wo, warum und wie. Wer hat diese Worte geschrieben, was ist ihre Botschaft, warum wurden sie geschrieben, wie sind sie zeitlich und geographisch, politisch, ökonomisch und sozial verortet? Meiner Meinung nach sollte ein zentrales Ziel globalen Medienalphabetentums darin bestehen, Schüler/innen zu lehren Software- Simulationen in genau dem gleichen Geist zu befragen. Die einzelnen Fragen mögen verschieden sein. Aber ihr Anliegen ist dasselbe: kritische Lesegewohnheiten zu entwickeln, die informierten und kritischen Bürger/innen einer Kultur der Simulation angemessen sind.”
Was lehren wir unsere jungen Leute hinsichtlich dieses Werkzeugs? Eine unserer Mitschwestern in Atchison hat in Bildungstechnologie promoviert und unterrichtet zur Zeit ein undotiertes Seminar an der Universität über Computerarchitektur. Sie müsste uns eigentlich alle, die wir Technologien im Unterricht einsetzen, über die noch nicht begriffene Macht dieses neuen Einrichtungsgegenstandes in unseren Klassenräumen und Klöstern aufklären. Es wäre nötig, dass viel mehr unter uns die “tiefe Struktur” der Computer, die wir benutzen, auch verstehen. Die Liste der Herausforderungen, die das Verstehen der Technologien im Unterricht darstellen, könnte eine eigene “Benet-Konferenz” füllen. Hier und jetzt können wir nur die Fragen dazu aufwerfen.
Die dritte Herausforderung, die die Agenda der Globalisierung stellt, ist die Frage, wie wir die Formung der Identität in den Jugendlichen vermitteln können. Die Jahre an der Sekundarschule sind in besonderer Weise entscheidend für die Jugendlichen in ihrer Aneignung einer authentischen Identität. Stabile lokale Gemeinschaften verfügen über viele Wege, die Bewegung von der Kindheit zum Erwachsenensein zu vermitteln. Aber wenn Gesellschaften im Fluss sind, wird die übliche Vieldeutigkeit, Entfremdung und Ambivalenz der Jugendlichen unweigerlich verstärkt. Wir brauchen nur an das Internet zu denken, das unseren Jugendlichen die Möglichkeit bietet multiple on-line-Persönlichkeiten zu entwickeln, und virtuelle Kontakte aufzunehmen, von denen die Eltern und andere Erwachsene nichts ahnen. Diese Attacke auf eine integrierte personale Identität setzt die Jugend ungewohnten Gefahren aus.
Die Kinder von Migranten und Flüchtlingen sind besonders gefährdet, sowohl wegen der kulturellen Entwurzelung ihrer Familie, wie auch wegen ihres unschützten Ausgeliefertseins an vielfältige alternative Modelle – von denen einige von den Medien angeboten werden. Die religiöse Identität verfängt sich ganz leicht in dieser Konfusion. Ist es überhaupt möglich, uneingeschränkt für den anderen offen zu sein, wenn die personale Identität fragmentiert ist? Das Programme der Globalisierung und die Herausforderungen an die Erzieher sind vielfältig. Sie zu benennen ist nur ein Teil der Aufgabe, die mir heute morgen gestellt ist. Zum anderen Teil soll überlegt werden, wie wir als Benediktinische Erzieher/innen positioniert sind, um auf die Globalisierung in unseren Sekundarschulen zu reagieren. Welche spezifischen Ressourcen können wir, die wir nach dem Geist der Benediktsregel leben und lehren, in die Erziehung junger Menschen in der Ära der Globalisierung einbringen?
Ressourcen einer Benediktinischen Pädagogik im 21. Jahrhundert
In den vergangenen beiden Jahren habe ich die Gelegenheit gehabt, Teil einer Gruppe von Äbten, Priorinnen und Präsidenten von dreizehn Benediktinischen Institutionen der höheren Erziehung in den Vereinigten Staaten zu sein. Da über die Hälfte der College und Universitätspräsidenten Laien sind, haben diese die monastischen Leiter herausgefordert zu definieren, was das spezifisch benediktinische an der Benediktinischen Pädagogik in einem College oder an einer Universität in Nordamerika im 21. Jahrhundert ist. Die monastischen Leiter kamen voller Überzeugung zu dem ersten Treffen gekommen, dass es eine spezifische Art und Weise gibt, benediktinisch zu erziehen. Aber diese Gruppe fand sich erstaunlich sprachunsicher wieder, als es darum ging die pädagogische Tradition zu benennen und zu beschreiben, von der sie wollten, dass sie in den Colleges und Universitäten beibehalten werden sollte. Als Konsequenz haben sie begonnen gemeinsam über die Identität Benediktinischer Institutionen nachzudenken. (Um die Sprache der “Marke” (“branding”) aus der Marktwirtschaft zu benutzen – wo angenommen wird, dass jede/r weiß, was Nike und Sprint und General Motors und Toyota bezeichnen –, wir, die wir in Benediktinischen Schulen erziehen, müssen “unsere eigene Benediktinische Marke und ihre unverwechselbaren Charakteristika kennen”.) Mit Wissen der Association of Benedictine Colloges and Universities (ABCU) werde ich jetzt den gegenwärtigen Stand ihrer Diskussion widergeben.
Mir ist bewusst, dass manche von Ihnen solche Diskussionen in Ihren eigenen Schulen darüber haben, was Sie denn “benediktinisch” macht. Der Beitrag vieler neuer Diskussionspartner/innen kann dazu beitragen, dass jede Institution sich der Ressourcen einer Benediktinischen Erziehungsinstitution bewusster wird, und zwar genau an dem Punkt, wo sie auf die vielfältigen Agenden der Globalisierung im 21. Jahrhundert treffen. Als ich über die Zehnerliste der ABCU nachdachte, arbeitete ich zugleich an einem Projekt für die Konferenz Benediktinischer Priorinnen. Als ich die Liste der beiden Institutionen verglich fand ich einen elften Punkt, und ich trage ihn Ihnen vor in der Hoffnung, dass Sie ihn zu den Stimmen Ihres eigenen Reflektionsprozesses hinzufügen. Beginnen will ich aber damit Ihnen die “zehn Kennzeichen einer jeden Benediktinischen Institution” vorzustellen.
Natürlich handelt es sich hierbei um keine göttliche Offenbarung oder um die Eingebung göttlicher Weisheit. Sie werden über viele Dinge nachdenken, die Sie schon kennen. Ich möchte Sie ermuntern, während ich sie vortrage, darüber nachzudenken, welche Auswirkungen sie auf Ihr pädagogisches Programm bezüglich der Globalisierung haben, und was sie über die Art und Weise aussagen, wie Sie und Ihre Kolleg/innen unterrichten.
Eine wichtige Vorbemerkung betrifft die Reihenfolge, in der wir über unsere Bildungsvision sprechen. Authentische Benediktinische Bildung ist nicht so sehr eine Sache einer bestimmten intellektuellen Tradition, sondern Ausdruck einer bestimmten Tradition von Weisheit. Rein intellektuelle Entwicklung wäre ein zu schmal angelegtes Unternehmen für die “Schule im Dienst des Herrn”, obwohl die Entwicklung des Intellekts einen intrinsischen Teil darstellt. Aber das Ganze ist ein Erlernen einer Lebensweise, für die die Heilige Schrift, die Benediktsregel und die Tradition die Fundamente legen. Und, so möchte ich hinzufügen, unterstützt werden diese durch das Geheimnis der Schöpfung und der Inkarnation, auf die ich im Schlussteil meines Vortrags ausdrücklich zurückkommen werde.
1. Gebet ist das erste Kennzeichen einer Benediktinischen Institution. Jede/r, der oder die mit einer Benediktinischen Institution verbunden ist, weiß, wie man betet, oder ist ein/e Lernende/r in der Tradition des Betens. Wir haben da eine reiche und lebendige Tradition. Und unsere Schulgemeinschaften müssen da hineingeladen werden. Wir stehen sicherlich vor neuen Herausforderungen, da immer mehr unserer Lehrer/innen und Administrator/innen keine Professmönche und - nonnen mehr sind, und machmal weder Katholiken noch Christen. Wie hilft die Schule allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft miteinander, nebeneinander und füreinander zu beten, um auf diese Weise unsere eigenen, unverwechselbaren Traditionen zu bewahren/beschützen, und zugleich die Feste und Zeiten der anderen zu honorieren?
In Assisi hat Papst Johannes Paul II. den Katholiken und der ganzen Welt gezeigt, dass wir keine Angst zu haben brauchen vor Gott-Suchern, die andere Wege gehen. Derselbe Papst hat die monastischen Gemeinschaften aufgerufen, sich im interreligiösen Dialog zu engagieren. Und so nehmen viele unserer monastischen Gemeinschaftenaus voller Überzeugung am Werk des Monastischen Interreligiösen Dialogs teil. Aber dieser Dialog kann in vielfältiger Weise aufgenommen werden. Vielleicht können wir in dieser Ära der Globalisierung von unseren Schüler/innen lernen, die keine Christen sind, was es heißt voller Respekt vor der Andersartigkeit der Anderen zu beten. Benedikt hat nicht gezögert seine Jüngern zu ermutigen, dass sie dann weise sind, wenn sie kritisch/wach auf die Jüngeren lauschen. Wie dem auch sei, weil wir einander in Benediktinischen Schulen im Mysterium des Betens zu Gott treffen, sind unsere Schulen Orte der Aufmerksamkeit und der Rücksichtnahme.
2. Gehorsam ist ein zweites Kennzeichen einer Benediktinischen Institution, ein Gehorsam, der möglich wird, wenn es Stille und Zeit gibt für die Reflexion. Die Jugendlichen, die vom Lärm, der Kakophonie und der Überstimulierung unserer modernen Gesellschaften umgeben sind, brauchen Lernhilfen um selber ruhig zu werden. Benediktinische Schulen können ihnen die alternative Erfahrung eines Maßes an Stille und Zeit anbieten, die keine Aktivität oder Produktivität von ihnen verlangt – wie z.B. Einkehrtage und die Vorzüge einer Verbindung mit einer betenden Gemeinschaft. Eine solche Umgebung erlaubt Wachstum in einem Gehorsam, der weit jenseits von Willfährigkeit als Reaktion auf Zwang liegt. In einer Benediktinischen Schule können Jugendliche, denen Raum für inneres Wachstum gegeben wurde, ein hörendes Herz entwickeln. Indem sie sich selber gegenwärtiger werden, können sie dem lebendigen Gott gegenwärtiger werden, und gegenwärtiger und respektvoller dem gegenüber, was sie umgibt. Wo gegenseitiger Respekt für die Mitschüler/innen und die Lehrer/innen auf dem festen Fundament eines inneren Wachtums reift, entwickelt sich aufmerksamer/wacher Gehorsam als Profit des Lebens.
3. Ein weiteres Kennzeichen jedweder Benediktinischen Institution, also auch Benediktinischer Schulen, ist die Stabilität, besonders die Stabilität in Beziehungen. Auch in einer Zeit der Globalisierung und einer Tendenz, das Lokale zu entwerten, haben ortsgebundene Benediktinische Erzieher/innen eine Bindung an den eigenen Ort und seine Menschen. Lehrer/innen und Schüler/innen haben gemeinsam die Zuversicht, dass in der Treue zum Täglichen und zur ausgewogenen Ordnung des Lebens Weisheit gefunden werden kann. Für die Jugendlichen, die in einer fragmentierten Welt leben, zeigt die alternative Erfahrung einer stabilen Kommunität, in der Bindungen und Beziehungen sicher sind, eine solide Alternative für ihr eigenes Leben. Die Stabilität der schulischen Beziehungen, wo Erwachsene sich in Welt und Kosmos auskennen, aber zugleich das Lokale und Tägliche wertschätzen, kann die Grundlage für die Entwicklung einer starken personalen Identität werden.
4. Das dritte Kennzeichen von Stabilität führt zum vierten der Disziplin. In der Schule des Herrendienstes verpflichten wir uns zur Disziplin einer geregelten täglichen Ordnung. Als Lehrer/innen der Jugendlichen akzeptieren wir die Verantwortung, für sie die Notwendigkeiten einer praktischen Disziplin zu identifizieren. Wir tun, was wir tun, im Klassenzimmer, in der Kirche, auf den Sportplätzen, damit sie fähig werden weise zu leben. In der Schule des Herrendienstes tut die Disziplin ständiger Übung den Schüler/innen akademisch sehr gut. Die Disziplin täglicher akademischer und sozialer Übung lehrt die Schüler/innen zudem Selbstdisziplin und Selbstlosigkeit zu entwickeln. Schüler/innen, die in der Treue ihrer Reaktion auf die täglichen Anforderungen geformt worden sind, lernen nicht nur Autonomie, sondern werden zudem fähig Beziehungen von echter Gegenseitigkeit zu entwickeln.
5. Ein fünftes Kennzeichen Benediktinischer Erziehung ist das Vertrauen. Bewusstheit für und Liebe des Schönen, Respekt für die inhärenten Eigenschaften der Dinge und Freude an der Weisheit der Schöpfung sind Haltungen, die in der Schule des Herrendienstes genährt werden. Diese Empfindsamkeiten müssen bewusst kultiviert werden, da die Jugendlichen in einer Wegwerf- und Konsumgesellschaft aufwachsen, in der das Virtuelle das Materielle mehr und mehr ersetzt. Eine Benediktinische Kunstlehrerin erzählte mir, während ihres letzen Schuljahres, in dem sie Jungen am Ende des 20. Jahrhunderts erzogen habe, habe sie sich mit einer signifikanten Veränderung in der Schülerschaft abgefunden. Aufgewachsen mit technologischem Spielzeug seien viele Jungen gleichgültig gegenüber dem Erkunden der natürlichen Eigenschaften der Dinge. Sie waren einfach nicht besonders interessiert daran, Materialien zu verändern, zu entdecken, was man mit Ton oder Holz oder Glas und Tuch, mit unterschiedlichen Metallen oder Farben machen kann und was nicht. Sie musste viel Energie darauf verwenden, um die Jungen dazu zu bewegen, ihre Hände schmutzig zu machen beim Bearbeiten der Materialien. Sie waren einfach nicht mit dem Taktilen vertraut, da sie seit ihrer frühen Kindheit an die Manipulation der virtuellen Welt gewohnt waren. Die Bewusstheit der geschaffenen Welt und der natürlichen Schönheit ist jedoch das Fundament unserer Benediktinischen Zuversicht hinsichtlich der Sakramentalität der geschaffenen Welt und der inhärenten Möglichkeit der geschaffenen Dinge die Gegenwart Gottes zu manifestieren. Solche Wertschätzung ist ja auch die Grundlage für ökologische Verantwortung.
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Zur Mitte der Auflistung der “zehn Kennzeichen” jedweder Benediktinischen Institution sollte es immer unübersehbarer werden, dass die Benediktinische Weisheitstradition, die wir in einer sich globalisierenden Welt teilen, nicht an irgendeine lokale Kultur gebunden ist. Die Weisheit, die charakteristisch für eine Schule im Herrendienst ist, kann, wie das Evangelium, auf dem sie basiert, überall zu Hause sein. Die Benediktinische Weisheitstadition kann die Stärken traditioneller Kulturen, aber auch die moderner und postmoderner Kulturen unterstützen. Wichtiger jedoch, die Weisheit unserer Lebenstradition bietet alternative Wege an, die ideologischen Schwächen der Globalisierung zu kritisieren und zu kompensieren. Mit dieser Beobachtung im Kopf kehren wir zu unserem Blick auf unsere “zehn Kennzeichen” einer Benediktinischen Weisheitstradition und ihrer Relevanz für unsere Sekundarschulen im Zeitalter der Globalisierung zurück.
6. Demut ist das sechste der “Kennzeichen”. Diese ist so zentral für eine Benediktinische Lebensweise, dass das Vorbereitungskomitee der ABCU formuliert “Demut ist Benedikts Wort für Weisheit”. In der Praxis heißt Demut, dass wir sie selber leben, und wir dann unsere jungen Leuten lehren, die Anforderungen des Realismus und der Verantwortlichkeit zu akzeptieren. Der Realismus und die Verantwortlichkeit echter Demut werden im gegenwärtigen Kontext der Globalisierung ständig mit Füßen getreten. Regierungen und Unternehmen zielen oft darauf ab, diejenigen, denen sie eigentlich dienen sollen, zu betrügen und zu manipulieren. Dieselben Autoritäten bestreiten alle Schuld für Fehler und Täuschungen. Im Gegensatz dazu hält die tägliche Interaktion in der Gemeinschaft einer Benediktinischen Sekundarschule alle dazu an, sowohl die eigenen Schwächen anzuerkennen, als auch Verzeihung zu üben, während zugleich Verantwortung dafür übernommen wird, wie persönliches Versagen die Gemeinschaft schädigen kann. Solch weise tägliche Interaktion will auch die Mitglieder ermutigen, die eigenen Stärken anzunehmen und die Gaben der Anderen wahrzunehmen, und sie alle zum Aufbau der Gemeinschaft einzusetzen.
7. Die Gemeinschaft selber ist das siebte Kennzeichen. Wir lernen uns selber kennen in der Beziehung zu anderen, und unsere Beziehungen zu anderen sind beinahe zahllos. Wir leben in Gemeinschaften von Gemeinschaften. Als benediktinische und zisterziensische Mönche und Nonnen haben wir unsere eigenen, unverwechselbaren Erfahrungen mit dem Leben von Gemeinschaften in Gemeinschaften. Wir haben neuen Generationen die Erzählungen weitergegeben, wie römische Mönche nach England gingen, irische Mönche nach Norditalien, englische nach Germanien, französische nach Nord- und Westafrika – und die deutschen – beeinflusst von Bonifatius und Lioba – begaben sich gleich überall hin: nach Korea, Brasilien, Ostafrika, der Manchurei, den Vereinigten Staaten.
Gerade weil Benediktinische Gemeinschaft ihren besten Ausdruck im gegenseitigen Dienst und im Dienst am Evangelium findet, sind Ihre Schüler/innen, die unlängst an den Benediktinischen Jugendtreffen teilgenommen haben, weise auf die sich globalisierende Welt vorbereitet worden. Indem sie Freundschaften mit Menschen von anderen Orten und Kulturen schließen, lernen sie die anderen Völker einer globlisierten Welt nicht einfach als ökomomische Brechstangen zu sehen, sondern als Geschwister. Die Globalisierung braucht die Bildung einer globalen Gemeinschaft.
8. Die Gastfreundschaft ist das achte Kennzeichen Benediktinischer Institutionen, also auch unserer Schulen. Unsere Schulen fördern ganz bewusst den Geist der Gastfreundschaft in der Jugend in einer Zeit, in der Globalisierung Ängste und Feindseligkeiten verbreitet, weil Fremde, die wir nicht eingeladen haben, plötzlich vor unserer Haustüre erscheinen. Unsere Schulen wie unsere Klöster sind traditionell lokal ausgerichtet gewesen in ihrem Einsatz für die Menschen und den Ort. Jetzt werden wir, unsere Schulen und unsere Schüler/innen durch die neuen Migrationen von Völkern unserer Zeit und durch neue Erwartungen bezüglich der Menschenrechte dazu angehalten, unsere Gastfreundschaft auszudehnen.
Aber es gibt da auch uralte Notwendigkeiten, die “Außenseiter” in unserer Mitte willkommen zu heißen. Wir alle wissen, dass zwei Drittel des Analphabetentums in der Welt Frauen betrifft. Und also sind wir uns alle der Rechte von Mädchen und jungen Frauen auf Bildung bewusst, und auch ihrer großen Bedürftigkeit, nicht nur zu einem Grundlagenalphabetentum, sondern auch für Leitungsaufgaben erzogen zu werden. Leider sind in der Vergangenheit und bis in die Gegenwart hinein nicht alle Benediktinischen Bildungseinrichtungen im vollen Sinne gastfreundlich gegenüber der Gegenwart junger Frauen, ihrer Gaben und ihrer Bedürftigkeiten gewesen. Wo sich das ändert und die gleichberechtigte Bildung und Leitungsfähigkeit von Mädchen wertgeschätzt und gefördert wird – und männliche Erwachsene männliche Jugendliche lehren ihre Schwestern zu respektieren und zu schätzen –, da wird die Lebensweisheit der Benediktinischen Tradition bereichert. Die monastische Gastfreundschaft wagt es Fremde mit ihren fremden Gebräuchen willkommen zu heißen und Brüder und Schwestern aus ihnen zu machen.
9. Als vorletzte unter den “zehn Kennzeichen” einer Benediktinischen Institution ist die Liebe zu nennen, die gegenseitige Liebe, wie sie die Benediktsregel im vorletzten Kapitel charakterisiert. Gegenseitige Liebe in einer Benediktinischen Schule ist generationenübergreifend und ist unvergänglich. Sie vergibt menschliche Schwachheit. Sie findet Ausdruck in der Geduld miteinander. Die gute Stimmung gegenseitiger Liebe überbrückt Spannungen im Verhalten und im Miteinander. Das liebende blinde Auge der Älteren schaut über die jugendlichen Eigenheiten hinweg. Respektvolle Gespräche führen zu einer liebenden Wiederherstellung der Harmonie in der Schulgemeinschaft. In einer Welt der Gewalt umarmen Benediktinische Institutionen ganz bewusst die Praxis gewaltloser Beziehungen und lehren die Fertigkeiten zu gewaltloser Konfliktlösung und Versöhnung.
10. Das zehnte und letzte Kennzeichen einer Benediktinischen Institution, das sich unserem Nachdenken anbietet, ist die conversatio, diese kaum zu übersetzende Realität. Bewusste conversatio als ein Merkmal unserer Schulen verlangt, dass wir in allem, was wir in unseren Schulen tun, die Transformation zu einer vollen Humanität anstreben. Die uns kennzeichnende Lebensweise, die wir anstreben, endet nicht mit dem Ende der Schulzeit. Vielmehr geht es uns um eine lebenslange Verwandlung unserer Schüler/innen.
Charakteristische Rituale und Symbole, die zu jeder lokalen Institution passen, geben dieser Verpflichtung zu einer lebenslangen Verwandlung auch jenseits der Schulzeit einen typischen Rahmen/Fleisch und Blut. Schulfarben (im Sinne von Logo...) helfen die Bindung an einen Benediktinischen Lebensstil zu erhalten, genauso wie eine Schulhymne oder regelmäßige Ehemaligentreffen, die Liebe zur Liturgie oder zur lectio divina, oder auch Erinnerungen an bestimmtes Essen. (Unsere Klosterküche hat über die Jahrzehnte hunderte von Plätzchen in Vogelform hergestellt – weiß übergossen zum Fest der hl. Scholastika und mit Schokolade übergossen zum Fest des hl. Benedikt, und die Schüler/innen freuen sich nach wie vor auf sie.) Eine benediktinische Schulleiterin erzählte mir kürzlich, dass ihre Schüler/innen an einer Schulhymne gearbeitet hätten, und die Verse, die sie ihr dann zur Begutachtung vorlegten, hätten ein ungeschminkt Benediktinisches Vokabular verwendet. Sie habe ihrer Überraschung Ausdruck verliehen und gefragt, ob sie nicht lieber weniger “hausinterne”, weniger Benediktinische Sprache benutzen wollten. Darauf hätten sie ihrerseits ihre Überraschung kundgetan und geantwortet: “Aber das ist es doch, was wir sind!” Solche Indentifikation drückt aus, dass der transformative Lebensweg, der während der Sekundarschulzeit begonnen wurde, eine Zukunft hat und nicht in der Gefahr steht vorschnell aufgegeben zu werden.
11. Zehn Kennzeichen einer Benediktinischen Schule, die weise auf die Globlisierung antworten, verdienen ein elftes, um diese Reflexion offen zu halten. Das elfte Kennzeichen ist die Sorge um Gerechtigkeit, was Benedikt in der Regel den Sauerteig der göttlichen Gerechtigkeit nennt, im Angesicht von Ungerechtigkeit und Ausbeutung anderer, wie wir sie überall in unserer globalisierten Welt vorfinden.
Jenseits der Globalisierungsanliegen: Verortung unserer selbst im Universum
Aufgrund dieser Reflexion sollte es offensichtlich sein, dass Benediktinische Erziehung in einer gloalisierten Welt eine unverwechselbare Art des Lernens fürs Leben ist. Sie ist in erster Linie Weisheit bezüglich der Beziehungen und bezüglich des Realen – bezüglich des Schöpfers und der geschaffenen Welt. Sie ersetzt nicht die denkbar beste säkulare Bildung in Physik, Astronomie und Mathematik, in Musik, Literatur und Kunst, was bedeutet, dass Sie, die Sie Schulleiter/innen sind, darauf achten müssen, dass Ihre Lehrer/innen, die monastischen wie die nicht-monastischen, selber über eine gute Ausbildung verfügen und kritisch mit ihren Disziplinen umzugehen gelernt haben.
Aber noch etwas weiteres muss über die theologische und religiöse Bildung der angestellten Leiter/innen und Lehrer/innen in unseren Schulen gesagt werden. Es handelt sich um eine etwas delikate Angelegenheit. Während sie mit den Herausforderungen der Vergangenheit und der unmittelbaren Gegenwart beschäftigt waren. waren nur wenige der Lehrer des kirchlichen Magisteriums aufmerksam und aufnahmebereit genug gegenüber den expandierenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich des Kosmos, und den theologischen Fragen, die sich daraus ergeben für uns als Glaubende, die wir in den Leib Christi hineingetauft worden sind. Wenn sie von neuen Entwicklungen in der naturwissenschaftlichen Theorie hören, dann haben sie nicht genug Zeit sie vollkommen zu verstehen, und dann werden sie von Angst gepackt. Viele nehmen sofort an, dass neue Entwicklungen im naturwissenschaftlichen Verständnis des Universums eine Gefahr für die Botschaft des Evangeliums darstellen.
Die Jugendlichen jedoch leben in einer globalisierten Welt, in der sich garnicht umhin können nach den Galaxien Ausschau zu halten. Sie brauchen eine glaubhafte Welt, in der sie leben können, während sie in ihrem Glauben an das Evangelium wachsen. Sie brauchen das Verständnis einer Welt, in der sie ihre eigene Humanität verstehen, während sie zugleich ihre Beziehung zu jedem anderen Ding im geschaffenen Universum bejahen können. Wir wissen, dass es nicht ausreicht für die Jugendlichen, ihnen einfach nur die Genesiserzählung von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen zu wiederholen. Aber – und hier der Grund für meine eigene Zurückhaltung – ebensowenig ist es hilfreich für unsere Schulen, auf Pseudo-Naturwissenschaften oder eine Pseudo-Apologetik des christlichen Glaubens zu springen, wie sie z.B. in der Theorie eines “intelligenten Entwurfs” gefunden werden kann. Katholische Naturwissenschaftler – darunter die führenden Astronomen des vatikanischen Observatoriums – versuchen die Hierarchie und die Erzieher zu mahnen, mit den sich hervorsprudelnden kosmischen Fragen, mit dem trinitarischen Mysterium zu leben, anstatt vorschnell Antworten zu versuchen. Machmal haben wir Erzieher/innen mit dem “Nicht-Wissen” zu leben.
Demut im Angesicht des Mysteriums ist besonders angemessen in den naturwissenschaftlichen und Religionsstunden benediktinischer und zisterziensischer Schulen. Ich breche damit keinen Stab für das “Nicht-Wissen” eines schlecht vorbereiteten Religionslehrers oder eines Naturwissenschaftslehrers, dem die Neugier fehlt, oder das “Nicht-Wissen” eines Agnostikers. Aber ich trete für ein “Nicht-Wissen” ein, das daraus erwächst, dass wir es lernen mitten im Mysterium unseres katholischen Glaubens zu leben.
Wie gut erzählen und feiern die Benediktinischen Schulen mit der nächsten Generation die Geschichte “Von der Entfaltung des Kosmos” und das Erscheinen der Menschheit inmitten dieser Geschichte? Und bringen wir in dieser längeren Geschichte des Kosmos und seiner Bewohner die Geschichte der Menschheit, die Geschichte unseres katholischen Glaubens von der Menschwerdung des Wortes Gottes unter – des Wortes, das zu uns und zu unserer Erlösung gesandt wurde in dem, was “die Fülle der Zeit” genannt wird?
Benediktinische Bildung als Antwort auf die Globalisierung: Eine abschließende Bemerkung
Wenn wir eine Herausforderung vor uns haben als moderne Benediktinische Erzieher/innen in einer Ära der Globalisierung, dann lautet sie festzustellen, wie wir die Effektivität unserer Mission erhalten und stärken können in einer Zeit, in der die Zahl der monastischen Lehrer/innen in unseren Lehrerzimmern und Klassenzimmern schwindet. Wir können exzellente Fachkräfte anheuern, so wir wir einst die jungen Mitglieder unserer Klöster für akademische Vorzüglichkeit vorbereitet haben. Aber Benediktinische Weisheit kann nicht auf dem Bildungsmarkt gekauft werden. Benediktinische Weisheit entwickelt sich durch generationsübergreifende Interaktion in vorteilhafter Umgebung, wie sie traditionell die Umgebung unserer Klöster bot. Viele unserer Klöster sponsern Schulen, in denen engagierte Lehrer/innen arbeiten, die keine Berufung zum benediktinischen und zisterziensischen Lebensstil haben. Sie, die Sie als Laien unter uns sind, können uns erzählen, wie sie in die Schule im Herrendienst eingeführt wurden. Mit und ohne die Herausforderungen der Globalisierung haben wir Anlass uns zu fragen: Wird die Weisheit, die es für eine authentische Benediktinische Bildung braucht, unter diesen Umständen überleben?
We tun, was wir können, und überlassen das Übrige Gott. Einen Teil dessen, was Sie in diesen Tagen tun können, ist es untereinander zu diskutieren, was Ihnen die beste Art und Weise erscheint, um die Benediktinische Weisheit weiterzureichen und die Effektivität der Mission unter den gegebenen Umständen Ihrer Schule zu stärken. Ich danke Ihnen.